Tagungsberichte

„ohne Widerrede unser größter Kirchenkomponist". Annäherungen an Gottfried August Homilius

von Ruprecht Langer, Leipzig

Vom 30. Januar bis zum 1. Februar 2014 fand in Dresden das internationale Symposium anlässlich des 300. Geburtstages des Organisten und Kreuzkantors Gottfried August Homilius (1714–1785) statt. Dass ein solch ambitioniertes Vorhaben bezüglich eines Komponisten in die Tat gesetzt werden konnte, der noch vor wenigen Jahren in der öffentlichen Wahrnehmung ein Schattendasein fristete, spiegelt das wachsende Interesse der Forschung an seinem Leben, Werk und Wirken wider. Das Symposium wurde von der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen, dem Dresdner Kreuzchor und der Stiftung Frauenkirche Dresden veranstaltet und fand im Haus der Kathedrale in Dresden statt. Gefördert wurde es von der Mitteldeutschen Barockmusik in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen e.V. und der Dresdner Stiftung Kunst & Kultur der Ostsächsischen Sparkasse Dresden.

Die Veranstaltung begann am Abend des 30. Januar in der Unterkirche der Dresdner Frauenkirche mit einem öffentlichen Vortrag von Jürgen Heidrich (Münster). Heidrich referierte über die Geschichte der protestantischen Choralbearbeitung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und befasste sich vornehmlich mit dem kurzsichtigen, aber dennoch lange vorherrschenden Urteil über den „Verfall" einer Kirchemusik, der aus dem nicht-adäquaten Vergleich mit deren sogenannten „Blüte" herrührt, und stets zu Ungunsten einer gesamten Ära ausfiel. Heidrich betonte, dass die vergleichende Bewertung von Epochen in „wert" und „unwert" allenfalls als töricht bezeichnet werden kann.

Der erste Teil der Tagung am 31. Januar stand unter der Überschrift „Biographie, Kontexte, Quellenüberlieferung". Und so gab Gerhard Poppe (Dresden/Koblenz) in einer kurzen Einführung einen Überblick über den Forschungsstand zu Homilius, bevor Uwe Wolf (Stuttgart), als ausgewiesener Homilius-Experte, über die Schwierigkeiten des Aufspürens und der Bewertung von vorhandenen Quellen sprach. Dabei sei die Suche nach Aufführungsverzeichnissen und anderen Daten, wie Belegen von, über und zu Homilius nur ein Teil des Problems. Als ebenso schwierig erweist sich deren Validierung, da viele Berichte über Repertoire und Aufführungen angezweifelt werden müssen oder einander zum Teil in ihrer Aussage widersprechen. Anschließend erläuterte Oberkirchenrat Thilo Daniel (Dresden) die theologischen, politischen und gesellschaftlichen Umstände des Dresdner Lebens zur Wirkungszeit Homilius'. So sprach er von der notwendigen Neupositionierung der lutherischen Theologie in der Zeit des Umbruchs, die später als Zeitalter der Aufklärung bekannt werden sollte. In seinem Vortrag „Zwischen Tradition und neuem Anfang" zeichnete er dabei den Lebensweg des Superintendenten Johann Joachim Gottlob Am Ende (1704–1777) nach, dem die schwere Aufgabe der Leitung eines Gottesdienstes in der Kreuzkirche zuteil wurde, an dem der in Sachsen eingefallene preußische König Friedrich II. zugegen war. Danach ließ Hobby-Genealogin Gabriele Finke (Dresden) ihre Zuhörer an den Ergebnissen ihrer bis ins 16. Jahrhundert zurückreichenden Forschungen zur Geschichte der Familie und des Namens Homilius teilhaben. Pointiert erläuterte sie, welche Erkenntnisse sich ihrer Ansicht nach aus diesen Quellen für den Zeitraum von der frühsten Kindheit des Gottfried August Homilius bis hin zum Abreißen der Genealogie nach Tod des Enkels des Kreuzkantors im Jahre 1849 ergeben.

Der Nachmittag begann mit einem Vortrag von Michael Maul (Leipzig) zum Thema „Schüler Bachs? Homilius und das Leipziger Musikleben von 1735–1742". Darin besprach er, was für beziehungsweise gegen ein solches Lehrer-Schüler-Verhältnis spricht. Maul argumentierte, dass wohl die Beziehung zwischen St. Nicolai-Organist Johann Schneider für den nicht nur in Dresden bereits etablierten Homilius von erheblich höherem Stellenwert gewesen sei. Zudem betonte er, dass sich sie Frage nach dem Bekanntheitsgrad zwischen Johann Sebastian Bach und Homilius für die künstlerische Bewertung des Letzteren gar nicht erst stellen sollte, da der spätere Kreuzkantor sehr wohl imstande gewesen war, sich seine Reputation auch ohne Bach zu erarbeiten. Im Anschluss daran betrachtete Gerhard Poppe die inneren und äußeren Umstände, die Amt und Leben Homilius' in Dresden beeinflussten. In diesem Zusammenhang erläuterte Poppe die gebräuchlichen Gottesdienstzeiten an den verschiedenen Hauptkirchen Dresdens und veranschaulichte so den dienstlichen Alltag des Kantors und Organisten. Besonderen Wert legte er dabei auf die Unterscheidung von höfischen und städtischen Trägern, ohne die ein Verstehen der Dresdner Umstände und des von der Stadt angestellten Komponisten nicht möglich sei. Cordula Timm-Hartmann (Halle/Saale) widmete sich in ihren Ausführungen dem heute nahezu unbekannten Komponisten Christoph Ludwig Fehre (1718–1772). Dadurch, dass Fehre als Zeitgenosse Homilius' am selben Orte Kantor an der Annenkirche vor den Toren der Stadt war, konnte sie bemerkenswerte Schnittpunkte in den Biographien der beiden Komponisten aufzeigen.

Mit einer ausführlichen Darstellung der Quellenlage in Lettland wanderte der Fokus des Symposiums dank eines Beitrags von Rudite Livmane-Lindenbeck (Berlin) nach Lettland. Offenbar hatte im 18. Jahrhundert ein reger Notentransfer insbesondere zwischen Leipzig und dem ebenfalls bürgerlichen Libau (Liepaja) stattgefunden, dem es zu verdanken ist, dass sich bis heute eine Vielzahl an Quellen zu Homilius, aber auch zu Schicht, Doles, Türk und vor allem Hiller im Baltikum finden lassen. Mit ähnlichen Problemen befasste sich Andrea Hartmann (Dresden), die als Leiterin der RISM-Arbeitsstelle Dresden bestens mit der Geschichte der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden vertraut ist. Offenbar spielten Quellen zum Schaffen Homilius' seit Jahrhunderten eine Rolle in der bewegten Geschichte der Bibliothek, in der nicht erst heute Fragen nach Verbleib, Verlust, Fund und Wiederentdeckung beispielsweise von Homilius-Partituren nachgegangen wird.

Der folgende Symposiums-Tag stand nun verstärkt im Zeichen der Musik des Kreuzkantors. Den Anfang machte Wolfram Enßlin (Leipzig), der sich bereiterklärt hatte, auf die Problematik der Pasticcio-Technik Carl Philipp Emanuel Bachs einzugehen. Dadurch, dass die vielen übernommenen Sätze etwa aus Homilius' Passionen nur selten von Bach unbearbeitet blieben, entdeckt Wolfram Enßlin gerade in diesen Veränderungen spezifische Stilistiken des Hamburger Kapellmeisters Bach; etwa, wenn er Arien gewissermaßen zu Liedern verkürzt. Im Anschluss ging es Andreas Glöckner (Leipzig) erneut um ein Lehrer-Schüler-Verhältnis zwischen Kreuz- und Thomaskantor, diesmal jedoch andersherum: Johann Adam Hiller hatte eine sehr hohe Meinung von seinem Lehrer Homilius, was sich nicht nur in einer wohldokumentierten Vielzahl an Aufführungen in Leipzig niederschlug. Hiller, der seit jeher über ein höchst nützliches Wissen um mediale Wirksamkeit verfügte, hat sowohl Texte und Noten von Homilius drucken lassen, als auch seine Ansichten zu einer zuhörerfreundlichen Aufführungspraxis Papier gebracht. Nachfolgend sprach Peter Kopp (Dresden) als Dirigent und stellvertretender Leiter des Kreuzchores von seinen persönlichen Erfahrungen mit Homilius. Er stellte darin fest, dass es gerade die angeblich schlichten Stücke sind, die er heute besonders schätze, und bei denen Chöre schnell Gefahr laufen, nachlässig zu singen. Insofern sieht Kopp in der Chormusik des Homilius paradoxerweise die Schwierigkeit in der Einfachheit. Zu einem ähnlichen Schluss kam auch Ruprecht Langer (Leipzig), der sich mit dem Choralsatz des Komponisten befasst hatte und argumentiert, dass die vermeintliche Simplizität der Mittelstimmen das Augenmerk auf die Melodie lenken sollte. Außerdem sieht er darin, dass Homilius einerseits ein einheitliches Gesangbuch für ganz Sachsen herausgeben wollte, anderseits gesonderten Wert auf einen unveränderten Cantus firmus legte, die Grundlage zur Annahme, dass der Kreuzkantor vorhatte, Choräle nicht nur zu sammeln, sondern auch zu normieren. Daraufhin wurde es wieder international, als Ellen Exner (Columbia) in ihrem Referat „Eine lang verschollene Quelle an einem ungewöhnlichen Ort" über das kuriose Wiederauftauchen einer Sammelhandschrift in den USA berichtete, die 42 Choralvorspiele von Homilius enthält – offenbar von derselben Hand geschrieben. Exner identifizierte die Handschrift nicht nur als „Schreiber x 2", sie vertrat zugleich schlüssig, dass sich hinter eben diesem prominenten Schreiber der Dresdner Hofnotist Christian Gottlieb Dachselt verberge.

Das Postludium des dreitägigen Homilius-Symposiums wurde von Christine Blanken (Leipzig) übernommen, die – ausgehend von Homilius als Orgelkomponist – noch einmal viele angesprochene Bereiche der Tagung zusammenfasste. Darüber hinaus erläuterte sie ihre Beobachtung, dass sich der Stil der Orgelchoräle bei Homilius und seinen Zeitgenossen von der alten Idiomatik losgelöst hat, wie sie durch Johann Gottfried Walther geprägt wurde, und sich zu einem kammermusikalischen Stil hin entwickelte.

Umrahmt wurde das internationale Symposium von zahlreichen Konzerten, die von einem großen Publikum besucht und begeistert angenommen wurden. Es zeigt sich, dass dieser Kreuzkantor zumindest in Dresden kein Unbekannter mehr ist, und dass Homilius ein wachsendes Interesse seitens der Musikforschung findet. Anlässlich seines 300. Geburtstages wird der Kreuzchor in diesem Jahr vermehrt Werke von Homilius zur Aufführung bringen, wodurch seiner Bekanntheit gewiss auch über die Stadtgrenzen hinaus Vorschub geleistet wird – ein würdiges Geburtstagsgeschenk für einen Komponisten, der von seinen Zeitgenossen als „ohne Widerrede unser größter Kirchenkomponist" tituliert wurde.