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Memorandum der Gesellschaft für Musikforschung

Die Gesellschaft für Musikforschung hat auf ihrer Jahrestagung am 1. Oktober 1998 das nachfolgende Memorandum erarbeitet, das sich auch der Deutsche Musikrat auf seiner letzten Generalversammlung einstimmig zu eigen gemacht hat. Dieses Memorandum ist inzwischen auch an alle zuständigen Ministerien, politischen Gremien und Rektoren bzw. Präsidenten der Universitäten sowie der Staatlichen Hochschulen für Musik verschickt worden.

Die Universitäten befinden sich gegenwärtig in einer Phase der Umstrukturierung. Im Zuge verschärfter Sparzwänge und Sparmaßnahmen gerät das Fach Musikwissenschaft zunehmend in Bedrängnis: ein Universitätsinstitut soll geschlossen werden, Stellen werden wegrationalisiert, C4-Stellen werden zu C3-Stellen abgestuft, womit das Fach in der Infrastruktur bedroht wird, ganze Teilgebiete und deren Studiengänge werden aufgegeben (z.B. Musikethnologie, Vergleichende Musikwissenschaft),  andere Ausbildungsgänge, die bisher an mehreren Universitäten vorhanden waren, werden an einer Universität konzentriert, und schließlich werden vorhandene Stellen zwar zur Besetzung ausgeschrieben, aber letztlich nicht besetzt. Angesichts der Tatsache, dass bei dieser zweiten Umstrukturierung nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend Fragen der Wirtschaftlichkeit und Maßstäbe in den Vordergrund rücken, die sich auf Bildung, Wissenschaft und Kultur insgesamt nur kontraproduktiv auswirken, sieht sich das Präsidium der Gesellschaft für Musikforschung zu einer Standortbestimmung des Faches Musikwissenschaft veranlasst.

Die Sparmaßnahmen gefährden zunehmend und ernsthaft die Substanz des Faches Musikwissenschaft mit seinen vielfältigen Verästelungen. Eine weitere Reduzierung von Personal- und Sachmitteln ist nicht verantwortbar. Die Musikwissenschaft ist von ihrem gesellschaftlichen Stellenwert, aber auch von der Anzahl der Studierenden schon längst kein sogenanntes kleines Fach mehr und ist außerdem wie kaum ein anderes Fach mit anderen Fächern vernetzt. Hierzu steht die personelle Ausstattung der Institute in krassem Gegensatz, und jede weitere Kürzung mindert den Qualitätsstandard des Faches und erschwert die Wahrnehmung seiner vielfältigen gesellschaftsrelevanten Aufgaben. Aufgrund der Tatsache, dass Musik eine internationale, grenzüberschreitende, auch damit zu Völkerverständigung beitragende, nicht durch Sprachbarrieren gehinderte Kunst darstellt, trägt die Musikwissenschaft sowohl durch die erforschten Gegenstände als auch durch die bestehende internationale Vernetzung der Forschung zur angestrebten Europäisierung bei. Sie gehört zu den Fächern, bei denen Interdisziplinarität im Sinne einer Kulturwissenschaft eine vorrangige Rolle spielt. Im übrigen hat das Fach eine in hohem Maße gesellschaftsrelevante Funktion zu erfüllen. Die Geisteswissenschaften und somit auch die Musikwissenschaft sind nach der allgemeinsten und umfassendesten Definition "der Ort, an dem sich moderne Gesellschaften ein Wissen von sich selbst in Wissenschaftsform  verschaffen" (Mittelstraß). Sie fungieren als Garant des "kollektiven Gedächtnisses", indem sie das, was die Vergangenheit der Gesellschaft ausmacht und damit ihre Identität wesentlich prägt, bewahren und in der wissenschaftlichen Aufarbeitung vergegenwärtigen. Hinzu kommt, dass die Aufgaben der Musikwissenschaft in der heutigen Freizeitgesellschaft, in der Musik sich wie nie zuvor verfügbar und omnipräsent erweist, wesentlich gewachsen sind. So kann die Musikwissenschaft z.B. in ihren systematischen, soziologischen und ethnologischen Teilgebieten Aussagen über die "Konsumgewohnheiten" von Musik, über ihre vielfältigen gesellschaftlichen Funktionen (in der klinischen Therapie, in der Werbung, als Droge) sowie über die Globalisierung und Vernetzung von Musikkulturen machen und auf diese Weise Ergebnisse von unmittelbarem volkswirtschaftlichen Nutzen erbringen.

Anders als in vielen anderen Ländern wie etwa den USA ist Musikwissenschaft in Deutschland ein universitäres Fach, das in Öffentlichkeit und Wirtschaftsleben von weitgefächertem Einfluss und entsprechend verankert ist. Als Ausbildungsfach sorgt es nicht nur für die Bereitstellung des wissenschaftlichen Nachwuchses, sondern weist zudem einen beachtlichen Anteil an Praxisbezug auf. In der Bundesrepublik Deutschland ist der Musikbereich überaus produktionsintensiv, die Musikwissenschaft spielt in diesem Zusammenhang als wichtigste Grundlage und unabdingbare Voraussetzung für alle Sparten der Musik und insbesondere für die Ausbildung einer kulturellen Identität, eines kulturellen Gedächtnisses eine führende und tragende Rolle. Hierbei ist die gesellschaftsrelevante Funktion der Kulturwissenschaften und insbesondere der Musikwissenschaft als eines Teilbereiches kaum zu überschätzen. Und daher wird die im Mittelpunkt des Studiums stehende wissenschaftliche Ausbildung zunehmend durch praxisbezogene Lehrveranstaltungen erweitert. Ohne hervorragend qualifizierte Musikwissenschaftlerinnen und Musikwissenschaftler können zentrale Aufgaben bei den Rundfunk- und Fernsehanstalten (z.B. Fachredakteure E-Musik und U-Musik, Oper, Musik und Wort), bei den Printmedien (Musikkritik), im Kulturmanagement (z.B. Orchester), in der Dramaturgie (Theater), bei Musikfestivals oder bei Tonträgerproduktionen und in besonderer Weise in Museen, Bibliotheken und Archiven nicht in sachlich erforderlicher Weise erfüllt werden, wie das bisher noch möglich und für die internationale Wettbewerbsfähigkeit dieser Sparten unabdingbar ist. Gerade diese Bereiche gewinnen angesichts gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Veränderungen zunehmend an Umfang und Bedeutung. Hierfür muss ebenfalls qualifizierter Nachwuchs ausgebildet werden.

Die Forschungsgebiete der Musikwissenschaft erstrecken sich heute von der Quellenforschung bis zur Popularmusik, von der Musikpsychologie bis zur Funktion der Musik innerhalb des komplexen Systems Kultur. Basis bleibt ein wissenschaftliches Studium, vertieft an exemplarischen Gegenständen bei unentbehrlichem Bezug auf die Forschung. Die zahlreichen kritischen Musikergesamtausgaben, die überwiegend von der deutschen Musikwissenschaft erarbeitet sowie weitgehend unter dem Dach der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur betreut werden, haben inzwischen weltweit hohe Anerkennung erfahren und gelten international als vorbildlicher musikwissenschaftlicher Standard.

In jüngster Zeit versucht sich die öffentliche Hand mit dem Hinweis auf die Situation in den USA ihren Aufgaben in der Kultur- und Wissenschaftsförderung zu entziehen, ohne auch die übrigen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen (z.B. veränderte Steuergesetzgebung) geschaffen zu haben. Die Gesellschaft für Musikforschung ist der Auffassung, dass für die Musikwissenschaft als einem geisteswissenschaftlichen Fach auch künftig grundsätzlich eine ausreichende Finanzierung von Forschung und Lehre durch die öffentliche Hand gewährleistet sein muss, da Mittel aus privatwirtschaftlicher oder anderweitiger Fremdfinanzierung nur in begrenztem Umfange zur Verfügung stehen und stehen werden.

Die Gesellschaft für Musikforschung setzt sich entschieden und mit Nachdruck dafür ein, dass der Status des Faches Musikwissenschaft in der Zukunft nicht eingeschränkt wird. Voraussetzung hierfür ist, dass das Fach an den Universitäten mit einer in jeder Hinsicht sachgemäßen Ausstattung erhalten bleibt. Gleiches gilt für diejenigen Musikhochschulen, an denen musikwissenschaftliche Institute oder Abteilungen vorhanden sind und die teilweise auch über Promotionsstudiengänge verfügen. Neben der musikgeschichtlichen Ausrichtung müssen wichtige Teilgebiete des Faches wie z.B. Musikethnologie und Musiksoziologie als auch Musiktheorie (einschließlich entsprechender praxisrelevanter Ausbildungsanteile) auf jeden Fall erhalten und erweitert werden.

Das Präsidium, der Beirat und die Mitgliederversammlung der Gesellschaft für Musikforschung bitten Sie, sehr verehrte Frau Ministerin/sehr verehrter Herr Minister, mit Nachdruck darum, dafür Sorge zu tragen, dass das Fach Musikwissenschaft auch in Zukunft mit entsprechender Ausstattung an den wissenschaftlichen und künstlerischen Hochschulen Ihres Bundeslandes erhalten bleibt bzw. entsprechend ausgebaut und damit die ihm zukommende Stellung bewahrt wird. Wichtige Entscheidungen sollten künftig erst nach einem eingehenden Diskurs mit dem Fach getroffen werden.

Abgedruckt in: Die Musikforschung 52 (1999), Heft 1, S. 1 f.
 
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