Musik_Familie – die Lücke zwischen Musik und Familie lädt zum Gedankenspiel ein: Wie wäre die Lücke zu füllen? Man könnte an „Musik in Familie“ denken, im Sinne von Hausmusik oder der musikalischen Ausbildung im familialen Umfeld, aber auch die Weitergabe musikalischer Fähigkeiten über Generationen hinweg. Im Zusammenhang mit Richard Strauss‘ Sinfonia domestica oder zahlreichen Opern, Balladen, Liedern etc., in denen Familie zum Thema wird, wäre von „Musik über Familie“ zu sprechen. Und welche Rolle spielt „Musik für Familie“? Aspekte wie Identität, Inszenierung und Erinnerung kommen in den Sinn. „Musik von Familie“ rückt Familienensembles in den Fokus, aber auch andere Arten des gemeinschaftlichen (musik)kulturelle Handelns. Meist begegnet uns der Konnex von Musik und Familie in Form eines zusammengesetzten Wortes: Musikerfamilie. So manche Künstler:innen-Vita, so mancher Eintrag in Musiklexika beginnt mit der standardisierten Floskel „… stammt aus einer Musikerfamilie“.
Damit lädt die Lücke ein, über die zahlreichen Möglichkeiten der Relation von Musik und Familie nachzudenken. Wie wirkt sich das Familiale auf die Musikkultur aus? Denn in der Tat ist die europäische Musikkultur vom Phänomen Musikerfamilie nachhaltig geprägt. Seit Jahrhunderten gehören auffallend viele Musiker:innen zu zum Teil weitverzweigten Familien, in denen die Musik oft über mehrere Generationen hinweg den beruflichen und alltäglichen Handlungsraum bestimmt. Welche Vorstellungen von Familie sind darüber hinaus oder davon ausgehend in den Strukturen der Musikkultur wiederzuerkennen (Schule, Traditionsbildung etc.)? Welche Ideale und Vorstellungen von Familie werden in musikalischen Werken, aber auch in Filmen, Bildern, Dramen etc. gezeigt? Welche Rolle spielt Musik in diesen Medien, wenn dort Familie zum Thema wird?
Angesichts der schieren Quantität und Komplexität des Zusammenspiels von Musik und Familie verblüffen der unreflektierte Umgang und die bisher weitgehend mangelnde theoretische Auseinandersetzung mit dem Phänomen Familie. Dass die sich im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte wandelnden normativen Vorstellungen und Konzepte von Familie, wie etwa das ‚ganze Haus‘ oder die ‚bürgerliche Kleinfamilie‘, „kaum mehr als einen Leitbildcharakter besaßen“ (Inken Schmidt-Voges 2010), ist in der historischen Forschung mittlerweile weitgehend Konsens. Tatsächlich existiert in der Praxis ein weitaus größeres Spektrum familialer Lebensrealitäten nebeneinander (‚fragile Familien‘, Joachim Eibach 2022). Dabei kann insbesondere Musikerfamilien ein ausgeprägtes Bewusstsein für ihre öffentliche Wahrnehmung attestiert werden, das ihre (Selbst-)Inszenierung von bzw. als Familie beeinflussen und in deutlicher Diskrepanz zu ihrem alltäglich gelebten Familienmodell stehen konnte (Melanie Unseld 2019).
Das internationale und interdisziplinäre Symposium widmet sich der Spezifik des Musikalischen im Zusammenhang mit familialen Konstellationen in seiner gesamten historischen Breite. Es will den Raum für interdisziplinäre Diskussionen öffnen und richtet sich explizit auch an historisch-kritisch Forschende, die sich mit familialen Konstellationen und Konzepten im Kontext musikbezogener Tätigkeitsfelder auseinandersetzen. Mögliche Themen und Zugänge, jeweils im Hinblick auf Musik, können sein:
Familienkonzepte und Gesellschaftsmodelle: Ständeordnung, Bürgerlichkeit, Wahlverwandtschaft, familienähnliche Konstellationen etc.
Praktiken der familialen Musikproduktion, -ausübung und -ausbildung
Genealogie als Kulturtechnik
Familie und Historiographie: Gedächtnis, Archiv, Anekdotik, Diskurse etc.
Medien und Praktiken der (Selbst)Inszenierung: (Auto)Biographik, Literatur, Publizistik, (Musik)Theater, Tanz, Fotographie, Film, bildende Kunst, Architektur, Social Media etc.
Intersektionale Perspektiven: Geschlecht, Klasse, Generation, Religion etc.
Rechtliche Strukturen: Adoption, Ehe, Scheidung, Erbe etc.
Familie auf Distanz: Mobilität und Migration
Familie als wirtschaftliche Ressource: Familienunternehmen, Karrierestrategien, Vermarktung etc.
Wir laden historisch Forschende aus kultur-, geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen ein, Beiträge einzureichen. Besonders willkommen sind interdisziplinäre Perspektiven.
Das Symposium wird bilingual ausgerichtet und findet in deutscher und englischer Sprache statt. Interessierte Wissenschaftler:innen werden eingeladen, einen Vorschlag für einen 20-minütigen Vortrag zu skizzieren (max. 250 Wörter) und diesen zusammen mit einem kurzen Lebenslauf bis zum 30. November 2025 an die Veranstalter:innen zu schicken. Für Early Stage Researcher und institutionell nicht angebundene Wissenschaftler:innen steht ein Budget für die Förderung der Reise- und Übernachtungskosten zur Verfügung.
Team:
Prof. Dr. Melanie Unseld
Felix Dieterle, MA
Dr. Clemens Kreutzfeldt
Julia Lenart, MA
Bettina Schuster, MA
Kontakt:
Institut für Musikwissenschaft und Interpretationsforschung
Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
Seilerstätte 26
1010 Wien
Tel.: +43/1/71155-3523
URL: https://www.mdw.ac.at/imi/musikerfamilien/
Blog: https://musfam.hypotheses.org/
Mail: musfam@mdw.ac.at

