Vom 08. bis 11. April 2026 veranstaltet das Institut für Neue Musik und Musikerziehung (INMM) in der Darmstädter Akademie für Tonkunst seine 79. Frühjahrstagung.
Die Tagung mit dem Titel „echt“ widmet sich Fragen nach Echtheit, Glaubwürdigkeit und Nachprüfbarkeit von Daten und Fakten in einer komplexen, medial geprägten Welt. Uneindeutigkeit und die Konfusion von Identitäten, politischen Richtungen und Aussagen prägen unsere Wahrnehmung. Diese Entwicklung bewirkt einerseits Verunsicherungen, andererseits Tendenzen zu einseitigen und scheinbar einfachen Problemlösungen. Es stellt sich die Frage, ob und wie zeitgenössische Musik Möglichkeiten eröffnet, diese Entwicklungen zu reflektieren.
Die breite Assoziationspalette von „Echt“ und „Echtheit“ soll genutzt werden, um eine Auseinandersetzung mit künstlerischen Deutungsspielräumen anzuregen, die sich eindimensionalen (Zu-)Stimmungen entziehen. Im Fokus stehen Kompositionen und künstlerische Projekte, die mit Opazität, Ambivalenz, Zeigen und Verbergen arbeiten. Kunst wird hier als Raum produktiver Irritation verstanden – Unsicherheit wird zum Ausgangspunkt für Erkenntnis.
Die Tagung umfasst traditionell Konzerte, Vorträge, Diskussionsrunden, Workshops und Hörlabore sowie einen Parcours, so dass künstlerische Praxis, Reflexion und Vermittlung immer verknüpft sind.
Unter dem knappen Tagungstitel wird angestrebt, die breite Assoziationspalette von „Echt“ und „Echtheit“ für eine Auseinandersetzung mit künstlerischen Deutungsspielräumen anzuregen. Es wird selbstverständlich kein Plädoyer für Echtheit im Sinne eines konservativen Essentialismus vertreten, sondern es wird eine offene Plattform für informativen und kritischen Austausch über Diskurse geboten.
Zum Auftakt wird im interdisziplinären Austausch zwischen Philosophie (Petra Gehring), Kunstgeschichte (Henry Keazor) und neuer Musik (Bernd Leukert) die traditionelle Frage nach der Bedeutung von Bild und Abbild im Spannungsverhältnis der aktuellen Debatte um mediale Scheinwirklichkeiten behandelt.
Von hier aus wird ein Bogen gespannt zu alternativen Wahrnehmungen in physiologisch und psychologisch bedingten „Parallelwelten“, dem kompositorischen Umgang mit Zeigen und Verbergen und den daraus resultierenden neuen Anforderungen an Konzert- und Opernformate.
Im Kontext des Tagungsthemas stellt sich darüber hinaus auch die Frage im Raum, ob davon auszugehen sei, dass es für Menschen mit Beeinträchtigungen (z.B. Blinde, Taube, neurodiverse Personen) keinen „echten“ oder „authentischen“ Nachvollzug von Klangverläufen oder Körperbewegungen gäbe. Das eingeladene Musiktheater-Kollektiv [in]operabilities hat sich zur Aufgabe gemacht, gerade diese Fragestellungen aufzugreifen. Vertiefend wird der gehörlose Pianist, Chorleiter und Musikvermittler Paul Whittaker dem Gedanken nachgehen, dass musikalische Vorstellungen nicht unbedingt von akustischen Reizen abhängig sind. Der entsprechende Themenblock wird in Gebärdensprache gedolmetscht.
Ein weiterer Schwerpunkt bei der Tagung ist die Musik von Rebecca Saunders. Die ihr eigenen Deutungsspielräume mögen Grund dafür sein, dass bei aller kompositorischer Präzision bisher kaum ein adäquates Analyseinstrumentarium entwickelt wurde, das Multiperspektivität als künstlerische Qualität berücksichtigt. In dem ihr gewidmeten Themenblock sollen im Gespräch mit der Komponistin und Vorträgen von Tina Vogel und Julia Kursell neue, zwischen Empirie und Poesie schwankende Zugänge vorgestellt werden.
Die Beschäftigung mit aktuellen Fragen zu Echtheit und unterschiedlichen Wahrnehmungswelten ist auch in der Musikpädagogik allgegenwärtig. Wie werden Pluralität und Opazität, Konfusion und produktive Verunsicherung von musikalischen Abläufen im Musikunterricht behandelt und bewertet? Hierzu werden Experten wie Ivo Berg oder Lukas Bugiel aus der Musikpädagogik grundlegende Positionen vortragen.
Die im Konzertprogramm der Tagung vertretene Komponistin Julia Mihàly wird in einem Workshop mit Kindern die Technik und Basis von field recordings erkunden.
Der Schlagzeuger Rodrigo Constanzo wird die Opazität seiner komplexen Performance erläutern. Eine Konzertinstallation des Komponisten Wojtek Blecharz, dessen Arbeit von der Musikwissenschaftlerin Monika Pasiecznik vorgestellt wird, lädt zu immersivem verkörperten Hören ein, das Ausgangspunkt für Diskussionen sein wird.
Beim Parcours wird eine Reihe von Projekten vorgestellt, die eine Beschäftigung mit dem Tagungsthema an Schulen und Universitäten beleuchtet.
