Johann Melchior Gletle (1626–1683): Ein Musiker zwischen den Kulturen. Zum 400. Geburtstag des Komponisten
Anlässlich des 400. Jahrestags der Geburt des Komponisten Johann Melchior Gletles (1626–1683) findet vom 21.–23. August 2026 im schweizerischen Muri (AG) eine Konferenz statt. Gletle – bisher in der Forschung wenig berücksichtigt – wird als Figur der frühneuzeitlichen Musik- und Kulturgeschichte in transregionalen, institutionellen und ästhetischen Kontexten diskutiert und neu eingeordnet. Die Tagung wird von abendlichen Konzerten mit Musik Gletles und seines Umfelds begleitet, die im Rahmen der Konzertreihe «Musik in der Klosterkirche» im ehemaligen Benediktinerkloster Muri stattfinden.
Der 1626 in Bremgarten bei Zürich geborene Gletle verliess seine eidgenössische Heimat und wirkte ab 1651 bis zu seinem Lebensende als Organist und Kapellmeister an der Kathedrale im bikonfessionellen Augsburg in Bayerisch-Schwaben – eine transregionale Musikerbiographie jenseits konfessioneller und kultureller Grenzen. Von Gletle sind rund 220 geistliche und weltliche Kompositionen in sieben Musikdrucken und in handschriftlicher Überlieferung erhalten. Im 17. und frühen 18. Jahrhundert ist seine Musik für Bayern, Mitteldeutschland, Sachsen, das Elsass, die Schweiz, Österreich, Südtirol, die Slowakei, Tschechien, Polen und Schweden belegt sowie – durch Briefe des Jesuiten Anton Sepp (1655–1733) – auch für die Reduktionen der Jesuitenprovinz Paraguay.
Eine bisher in der Forschung zu Johann Melchior Gletle unbeachtete zeitgenössische Einschätzung seiner Kompositionen durch den französischen Musiktheoretiker Sébastien de Brossard (1655–1730) eröffnet vielversprechende Perspektiven auf deren ästhetische Einordnung: « Sa musique est sage et reguliere et cependant brillante et legere quand il le faut; elle est sçavante, expressive, gracieuse et surtout bien proportionnée aux lieux, aux tems et au vray sens des paroles etca » (Brossard, Catalogue, S. 132). Trotz der weiten historischen Verbreitung von Gletles Musik und ihrer zeitgenössisch bezeugten ästhetischen Wertschätzung ist bislang nur etwa ein Viertel seines Werkes ediert.
Die von der Universität Genf organisierte interdisziplinäre Konferenz versammelt ausgewählte Forscherinnen und Forscher (Claudio Bacciagaluppi, Bernardo Illari, David R. M. Irving, Johannes Menke, Christoph Riedo, Maria Schildt) und lädt zugleich zur Einreichung von Beitragsvorschlägen ein. Im Zentrum stehen transregionale, institutionelle und ästhetische Perspektiven auf Gletles Werk und Wirkung. Besonders angesprochen sind dabei NachwuchswissenschaftlerInnen. Mögliche Themenfelder umfassen unter anderem (sind aber nicht darauf beschränkt):
- Neue Perspektiven auf Gletles Biographie, insbesondere seine Verbindungen zum Jesuitenorden
- Katholische Kirchenmusik im süddeutsch-schweizerischen Raum zwischen römischen und italienischen Einflüssen
- Süddeutsche Barockdichtung und ihre musikalische Vertonung
- Musiktransfer zwischen Europa, Südamerika und darüber hinaus: Zirkulation, Anpassung, transkulturelle Transformation und Rezeption der Werke Gletles und seines Umfelds
- Musikästhetische Konzepte in geistlicher und weltlicher Musik des 17. Jahrhunderts
Die Konferenz findet vom 21.–23. August 2026 in Muri (AG), Schweiz, statt. Die Vorträge dauern jeweils 25 Minuten und können auf Deutsch oder Englisch gehalten werden. Abstracts von bis zu 250 Wörtern sowie eine kurze biografische Notiz können bis zum 10. April 2026 an gesendet werden. Die Auswahlentscheidung wird bis zum 17. April 2026 mitgeteilt.
Konferenzorganisatoren und wissenschaftliches Komitee:
Prof. Dr. Christoph Riedo, Dr. Cla Mathieu und MA Raphael Eccel

