XLVII. Wissenschaftliche Arbeitstagung und 41. Musikinstrumentenbau-Symposium im Kloster Michaelstein.
Jugendmusikbewegung – Kontinuitäten und Brüche der Praktiken und Ideale
Call for Contributions
Die Jugendmusikbewegung war eine unabhängige, reformpädagogische Strömung, die aus der 1901 gegründeten deutschen Jugendbewegung „Wandervogel“ (Holz, 2019) entstand. Sie prägte das 20. Jahrhundert, welches auch als „Jahrhundert des Kindes“ bezeichnet wird (Lehmann-Wermser 2004, S. 231), hatte in den 1920er Jahren ihren Höhepunkt und ist eine wichtige Grundlage dessen, was unter „musischer Bildung“ (Mrozek & Rappe-Weber 2025, S. 21-22) und Musikpädagogik (Brüdermann 2025, S. 112) verstanden wird.
Ihr Ziel war es, Jugend und Volk zum gemeinsamen Musizieren und schwerpunktmäßig dem (selbst) Singen (Mrozek & Rappe-Weber 2025, S. 18) zu führen. Tatsächlich erweiterte sie das Amateurmusikleben nachhaltig: So entstanden u. a. Jugend- und Volksmusikschulen, historische Instrumente wurden wiederbelebt (z. B. Blockflöte, Laute, Gambe) und ihr Repertoire verbreiterte sich – etwa durch Liederbücher wie Hans Breuers Zupfgeigenhansl (1909). Formate wie das so genannte Offene Singen und Musikwoche wurden etabliert (Mrozek & Rappe-Weber 2025, S.22) und Institutionen wie Zeitschriften und Musikantengilden, Musikschulen und Vereinigungen, etwa der Finkensteiner Bund, wurden gegründet (Holz 2019, S. 53-54). Gleichzeitig ist der Jugendmusikbewegung auch eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der Alten Musik v. a. in den Bereichen Aufführungspraxis und Instrumentarium zuzuschreiben (Gutknecht 1997).
Die Bewegung lehnte bürgerliche Konzerttraditionen und die „komplizierte“ spätromantische/avantgardistische Musik ab (Gutknecht 1997, S. 209; Holz 2019, S. 87) und sprach Musik stattdessen die Aufgabe der Gemeinschaftsbildung und Alltagsprägung zu (Holz 2019, S. 72). Sie reagierte damit auf eine gesellschaftliche und kulturelle Heimatlosigkeit und ein Gefühl der Ausgeschlossenheit gegenüber der bürgerlichen Kultur (Holz 2019, S. 77). Dabei wurden der „Volksliedästhetik“ (Holz 2019, S. 69) und einfachen polyphonen Vokalwerken (Holz 2019, S. 85) gemeinschaftsbildende Wirkung zugeschrieben.
Ihre Hochphase lag in den 1920er Jahren, doch führten viele Akteur:innen ihre Arbeit auch während des Nationalsozialismus fort und prägten nach 1945 den Wiederaufbau des Musiklebens. Vor allem die Ein- und Unterordnung in das NS-Regime (Mrozek 2025, S. 88) und die Integration in die politische Gleichschaltung ab 1933 (Harrod 2025, S. 107) konstituieren Theodor Adornos Kritik des Musikanten (1956). Diese prägt mit dem Zitat „Dass einer fiedelt, soll wichtiger sein, als dass einer geigt“ (Adorno, 1956, S. 69) den musikpädagogischen Diskurs der Nachkriegszeit.
Trotz dieser historischen Bedeutsamkeit ist die Jugendmusikbewegung als solches heute nicht sehr präsent diskutiert und Aspekte wie die Sichtbarkeit von Frauen in der Jugendmusikbewegung (Rappe-Weber 2025, S. 47) oder die Verbindung zur Alten Musik sind noch nicht erschöpfend untersucht. Auch sind regionale Besonderheiten und Schwerpunkte der Jugendmusikbewegung noch wenig erforscht.
Im Jahr 2027 widmet sich in der Musikakademie im Kloster Michaelstein eine Konferenz der Jugendmusikbewegung. Mit dem vorliegenden Call for Contributions werden Beiträge gesucht, die die Jugendmusikbewegung aus unterschiedlicher Perspektive in ihrer Breite und Vielschichtigkeit beleuchten. Diese können sich an folgenden Themenfeldern orientieren:
- Stilistik und Praxis: Repertoire und Instrumentarium (z. B. Volkslieder, Alte Musik; Bedeutung von Zupfgeigenhansl; Einsatz und Anpassung historischer Instrumente), Formen des Musizierens (Offenes Singen, Lagerfeuer, Chöre) und Veranstaltungsformate (Singwochen, Musikwoche, Freizeiten).
- Institutionen und Bildung: Verbindung zur Musikpädagogik: Wie trugen die Ideen der Jugendmusikbewegung zur Institutionalisierung des öffentlichen Musikschulwesens bei?
- Regionale Studien: Fallbeispiele aus verschiedenen Regionen (z. B. Harz): Wie wurden lokale Musiklehrer:innen und Jugendgruppen aktiv? Welche Erkenntnisse und neue Quellen lassen sich aus Archiven und Nachlässen (wie z. B. Burg Ludwigstein, Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, Landemusikarchive, Stadtarchive usw.) generieren? Können neue Quellen erschlossen werden?
- Nationalsozialismus und Ideologie: Überschneidungen und Brüche: Welche Motive aus der Jugendmusikbewegung fanden Eingang in nationalsozialistische Jugendkultur, welche Ideale blieben auch unter Druck erhalten? Gibt es Kontinuitäten (bspw. Jugendorchester, Singbewegung) oder klare Abgrenzungen/Brüche?
- Langzeitwirkungen und Gegenwartsrelevanz: Elemente der Jugendmusikbewegung in der heutigen Zeit, z. B. Musikschulen, Jugendorchester, Chorbewegung: Welche direkten Linien lassen sich zeichnen – etwa zu Jugend-Barockorchestern, Jugend-Musik-Festivals oder zur Alten-Musik-Szene? Wie hat die Jugendmusikbewegung die Aufführungspraxis im Bereich der Alten Musik beeinflusst bzw. geprägt? Wo könnte man Fäden wieder aufgreifen?
Wir laden Musikwissenschaftler:innen, Historiker:innen und Pädagog:innen ein, ihre Forschungsergebnisse und laufenden Projekte vorzustellen. Besonders willkommen sind Einreichungen, die neue Quellen erschließen oder Forschungslücken adressieren.
Tagungsort und -datum: Die Konferenz findet vom 23.–25. April 2027 im Kloster Michaelstein – Musikakademie Sachsen-Anhalt für Bildung und Aufführungspraxis in Blankenburg (Harz) statt. Geplant sind neben wissenschaftlichen Vorträgen auch musikalische Programmpunkte (z. B. historische Singweisen oder Instrumentalwerke der Jugendmusikbewegung).
Einreichungen: Wir bitten um Abstracts (deutsch oder englisch, max. 300 Wörter) für ca. 20-minütige Vorträge, aber auch andere Formate sind willkommen (Poster, Podiumsdiskussion, Panel, musikalische Demonstrationen). Bitte senden Sie Ihr Abstract bis 10. August 2026 an Frau Dr. Johanna Borchert (johanna.borchert@kulturstiftung-st.de).
Bitte leiten Sie diesen Call for Contributions auch an interessierte Kolleg:innen weiter. Wir freuen uns auf vielfältige Beiträge zur Geschichte und Nachwirkung der Jugendmusikbewegung. Eine Mitgestaltung der Tagung durch Studierende der Musikwissenschaft und -pädagogik ist ebenfalls willkommen. Wenden Sie sich bitte in diesem Fall an oben angegebene Kontaktadresse.
Literaturnachweise
Adorno, T. W. (2003). Kritik des Musikanten. In Dissonanzen. Einleitung in die Musiksoziologie (Gesammelte Schriften, Bd. 14, S. 67–107). Frankfurt am Main: Suhrkamp. (Originalarbeit veröffentlicht 1956)
Archiv der deutschen Jugendbewegung. (o. J.). Quellen zur Jugendmusikbewegung. Stiftung Jugendburg Ludwigstein. https://www.burgludwigstein.de/forschen/bestaende/jugendmusikbewegung
Breuer, H. (Hrsg.). (1909). Der Zupfgeigenhansl. Leipzig: Friedrich Hofmeister.
Brüdermann, U. (2025). „Lehrer, wie sie sein sollen“. Hermann Schütt (1888–1973) – ein idealer Musikpädagoge im Kontext der Jugendmusikbewegung. In B. Mrozek & S. Rappe-Weber (Hrsg.), Jugend – Musik – Bewegung. Formierung und Mobilisierung im 20. Jahrhundert (S. 111–135). Göttingen: Brill.
Gutknecht, D. (1997). Studien zur Geschichte der Aufführungspraxis Alter Musik: Ein Überblick vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg (2. Auflage). Köln: Concerto.
Harrod, T. (2025). Rolf Gardiner (1902–1971) und musische Bildung in „a world of anarchic noise“. In B. Mrozek & S. Rappe-Weber (Hrsg.), Jugend – Musik – Bewegung. Formierung und Mobilisierung im 20. Jahrhundert (S. 91–110). Göttingen: Brill.
Holz, M. (2019). Musikschulen und Jugendmusikbewegung. Die Institutionalisierung des öffentlichen Musikschulwesens von den 1920er- bis in die 1960er-Jahre. Münster: Waxmann.
Lehmann-Wermser, A. (2004). Jugendmusikbewegung? Erwachsenenmusikbewegung? Zur empirischen Gründung eines Begriffs. In H. J. Kaiser (Hrsg.), Musikpädagogische Forschung in Deutschland: Dimensionen und Strategien (S. 231–243). Essen: Die Blaue Eule. https://doi.org/10.25656/01:10148
Mrozek, B. (2025). Zwischen Volksbildung und völkischer Formierung. Transnationaler Nationalismus in der Jugendmusikbewegung (Deutschland und Großbritannien, 1923–1956). In B. Mrozek & S. Rappe-Weber (Hrsg.), Jugend – Musik – Bewegung. Formierung und Mobilisierung im 20. Jahrhundert (S. 61–88). Göttingen: Brill.
Mrozek, B., & Rappe-Weber, S. (2025). Jugend – Musik – Bewegung. Perspektiven auf das 20. Jahrhundert. In B. Mrozek & S. Rappe-Weber (Hrsg.), Jugend – Musik – Bewegung. Formierung und Mobilisierung im 20. Jahrhundert (S. 13–27). Göttingen: Brill.
Rappe-Weber, S. (2025). Die Jugendmusikbewegung in gendertheoretischer Perspektive. In B. Mrozek & S. Rappe-Weber (Hrsg.), Jugend – Musik – Bewegung. Formierung und Mobilisierung im 20. Jahrhundert (S. 29–59). Göttingen: Brill.
