Musik und Herrschaft: Praktiken, Diskurse und Institutionen (18.–20. Jahrhundert)
Workshop (16.-17. März 2027, Institut für Musik, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg)
Konzeption & Organisation: Dr. Clémence Schupp-Maurer (Universität Oldenburg) & Dr. Bianca Schumann (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien)
„Musik und Musikwissenschaft sind gesellschaftliche und politische Phänomene – sie in das schöne Reich der Künste verbannen zu wollen, bedeutet nicht nur eine unzulässige Reduktion ihrer Vielschichtigkeit, sondern auch eine Verzerrung unserer Realität.“1 Dieses Zitat der Kultur- und Musikwissenschaftlerin Linda Maria Koldau ist nur eines von vielen Beispielen dafür, wie intensiv sich die musikwissenschaftliche Forschung in den vergangenen Jahrzehnten mit den vielfältigen Verflechtungen von Musik mit Machtstrukturen, Herrschaftsformen und
gesellschaftlichen Ordnungen auseinandergesetzt hat. Im Rahmen dieser Forschung wird Musik in Kontexten höfischer Repräsentation, kirchlicher Regulierung und kolonialer Aneignungsprozesse sowie massenmedialer Öffentlichkeiten und staatlicher Kulturpolitik nicht
nur als ästhetische Praxis aufgefasst, sondern als soziales Handlungsfeld, in dem Herrschaft erzeugt, vermittelt und stabilisiert, zugleich aber auch reflektiert und infrage gestellt wird. Musikalische Praktiken treten dabei sowohl als Instrumente der Legitimierung von Herrschaft in Erscheinung als auch als Räume ihrer Kritik.
Vor diesem Hintergrund widmet sich der Workshop der Erforschung der Beziehungen zwischen Musik und Herrschaft vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Dabei wird Herrschaft nicht ausschließlich als politische Dominanz verstanden, sondern als relationales Gefüge, das sich in
Institutionen, Diskursen, sozialen Hierarchien und ästhetischen Praktiken manifestiert. Musik erscheint in diesem Sinne sowohl als Trägerin von Macht als auch als deren Reflexions- und Aushandlungsraum.
Ziel des Workshops ist es, Beiträge aus unterschiedlichen historischen Kontexten, geographischen Räumen und methodischen Zugängen zusammenzuführen, um die vielfältigen Verschränkungen von Musik und Herrschaft systematisch zu untersuchen. Im Fokus stehen dabei insbesondere die Wechselwirkungen zwischen musikkulturellem Handeln, institutionellen Strukturen und gesellschaftlichen Ordnungen.
Mögliche Themenfelder sind unter anderem:
• Musik und politische Herrschaft (Monarchie, Nationenbildung, Diktatur, Demokratie)
• Zensur, Repression und staatliche bzw. institutionelle Kontrolle musikalischer Praktiken
• Musik als Instrument politischer Propaganda und ideologischer Steuerung
• Musik als Mittel von Widerstand, Protest und Selbstermächtigung gegen politische und gesellschaftliche Herrschaft
• Institutionen und Organisationen als Vermittler von Herrschaft (Konservatorien, Kirchen, Rundfunkanstalten)
• Medien (Notendruck, Radio, Tonträger) als Instrument der Macht
• Patronage, Netzwerke und Produktionsbedingungen im Kontext von Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen
• Geschlecht und geschlechtsspezifische Machtverhältnisse im Musikleben als Ausdruck von Herrschaft
• Klasse, soziale Hierarchien und ungleicher Zugang zu musikalischen Institutionen
• Kolonialismus, „Race“ und globale Machtasymmetrien in musikbezogenen Kontexten
• Musikkritik und diskursive Autorität als Formen kultureller Macht und Ideologisierung
• Aufführung, Ritual und Inszenierung von Herrschaft
• Exil, Migration und die Verdrängung von Musiker:innen als Folge politischer Machtverhältnisse
• Methodische Fragen der Quellenarbeit zu Musik und Herrschaft, insbesondere im Umgang mit ideologisch verzerrten Quellen
Beiträge aus allen innerdisziplinären Zweigen der Musikwissenschaft sowie aus angrenzenden Disziplinen (u.a. Geschichtswissenschaft, Kulturwissenschaft, Medienwissenschaft) sind willkommen. Explizit eingeschlossen sind auch Forschungsarbeiten, die sich noch im
Entstehungsprozess befinden („work in progress“). Einsendungen von Nachwuchswissenschaftler:innen sind ausdrücklich erwünscht.
Die Veranstaltung findet in Präsenz statt, in begründeten Fällen kann eine hybride Teilnahme ermöglicht werden.
Die Teilnehmer:innen sind im Nachgang des Workshops eingeladen, ihre Beiträge für eine Veröffentlichung in einem Special Issue des Peer-Review Journals Musicologica Austriaca auszuarbeiten. Weitere Details dazu werden im Rahmen des Workshops bekanntgegeben.
Interessent:innen werden gebeten, ein Abstract (max. 250 Wörter) sowie eine Kurzbiographie (max. 120 Wörter) bis zum 30.09.2026 an Clémence Schupp-Maurer (clemence.schupp-maurer@uni-oldenburg.de) und Bianca Schumann (schumann-b@mdw.ac.at) zu senden. Eine
Rückmeldung erfolgt bis zum 31.10.2026.
