Symposium “Quo vadis, impegno?”

Seit dem mittleren 20. Jahrhundert ist “musica impegnata” (oder “musique engagée”) ein feststehender Begriff für politisch engagierte Musik, der vorwiegend auf antifaschistische und “linke” (Kom-)Positionen bezogen wurde und wird. Impegno oder Engagement lassen sich aber, zumal mit Blick auf Entwicklungen der letzten 60 Jahre, auch weiter verstehen als nur realpolitisch: Es gibt Musik mit expliziter sozialer, weltanschaulicher oder gar ideologischer Ausrichtung bzw. Funktion, die sich nur bedingt konkreten politischen Tendenzen zuordnen lässt, ebenso wie solche mit anti-kommunistischen oder anderen “nicht-linken” Positionen. Notwendig erscheint daher eine Weitung der Perspektive auf unterschiedliche Formen des Impegno in der zeitgenössischen Musik.

Neu beleuchten möchte das Symposium aber auch die Idee des Impegno selbst. Es geht dabei nicht um die bekannte ontologische Kritik an politischer Musik, sondern darum zu hinterfragen, inwiefern engagierte Musik tatsächlich gemäß ihrer Intention wirkte, ob ihre Botschaften zu hören waren und noch sind, welche Reaktionen sie hervorrufen konnten.

Luca Lombardi (*1945) verkörpert aufgrund seiner Lebensgeschichte und durch sein Schaffen einen engagierten Künstler in mehrfachem Sinne. Sein frühes Werk war ebenso wie seine Biographie stark durch sein politisches Engagement geprägt. Während seines Studienaufenthalts in Köln 1968-72 (wo er bei Karlheinz Stockhausen und Bernd Alois Zimmermann studierte), wurde er in einer Sektion italienischer Gastarbeiter Mitglied der Italienischen Kommunistischen Partei; außerdem „entdeckte“ er Hanns Eisler. Um für seine Abschlussarbeit an der Universität von Rom, über diesen im Hanns-Eisler-Archiv zu forschen, ging Lombardi nach Berlin-Ost, wo er gleichzeitig Schüler von Paul Dessau wurde.

Nach seiner Rückkehr nach Italien blieb das intellektuelle kommunistische Künstlermilieu zunächst seine geistige Heimat, was sich auch in seinem kompositorischen Schaffen manifestierte. In den 1980er Jahren kam es zu einer Desillusionierung in Hinblick auf die ersehnten gesellschaftlichen Veränderungen, was Lombardi u.a. zur Beschäftigung mit Stoffen der Weltliteratur wie Johann Wolfgang von Goethe und William Shakespeare führte, in denen das Politische eher abstrakt oder indirekt weiterlebt, etwa in Form von Diskursen über Macht. Seine Oper Dmitri, oder der Künstler und die Macht (Leipzig, 2000) kann als kritische Auseinandersetzung mit dem „realen Sozialismus“ gelesen werden. Auch seine Opern Faust. Un travestimento (Basel, 1991), Prospero (Nürnberg, 2006) und Il re nudo (Rom, 2009) sind politisch motiviert. Am Anfang des neuen Jahrhunderts intensivierte sich das Interesse für seine jüdischen Wurzeln und das Schicksal seiner neuen Wahlheimat Israel und wurden Gegenstand eines nochmals gewandelten, leidenschaftlichen kompositorischen Engagements.

Ausgehend von seinem Schaffen lädt das Symposium dazu ein, über engagierte Musik von den 1960er Jahren bis in unsere Gegenwart neu nachzudenken. Willkommen sind Beiträge, die sich entweder direkt mit Luca Lombardi befassen oder mit Phänomenen, Tendenzen und Personen, die sein Leben und Wirken berühren.

Mögliche Themenfelder sind:

  • Musica impegnata in Italien nach der Nachkriegs-Avantgarde
  • Engagierte Musik im geteilten Deutschland und nach der Wiedervereinigung
  • Deutsch-italienische Beziehungen in der zeitgenössischen Musik
  • Jüdische und israelische Identität in der zeitgenössischen Musik
  • Deutsch-israelische oder italienisch-israelische Beziehungen in der zeitgenössischen Musik
  • Avancierte Tonsprache und/oder Verbreitung und Reichweite engagierter Musik
  • Netzwerke und Förderung engagierter Musik in den letzten 50 Jahren
  • Musik über Krieg und Frieden

Musik über gesellschaftspolitische Themen

Call for Papers

Typ: Veranstaltung

Symposium “Quo vadis, impegno?”

Veranstalter*innen:
DHI in Rom, Sapienza Università di Roma, Universität Heidelberg

Deadline:
13.01.2026

DHI in Rom, Goethe-Institut Rom

27.03.2026

bis 28.03.2026