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Jan Vermeer, Die Musikstunde | Royal Collection (London)

D-Mbs Mus.ms. C, fo. 2v und 3r | http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb00015144-2

„Vom Umgang mit Telemanns Werk einst und jetzt. Telemannrezeption in drei Jahrhunderten"

Magdeburg, 15.-16.03.2012

Von Christine Klein, Halle an der Saale – 11.06.2012 | Im Zeichen der 50-jährigen Tradition der seit 1962 veranstalteten Magdeburger Telemann-Festtage widmete sich die diesjährige Internationale Wissenschaftliche Konferenz, die in bewährter Weise vom Zentrum für Telemann-Pflege und -Forschung der Landeshauptstadt Magdeburg in Kooperation mit dem Institut für Musik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Abteilung Musikwissenschaft, sowie mit der Telemann-Gesellschaft e. V. (Internationale Vereinigung) ausgerichtet wurde, der Problematik der Telemannrezeption im Zeitraum dreier Jahrhunderte. In seiner Begrüßung wies Carsten Lange, Wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Telemann-Pflege und -Forschung Magdeburg, auf den beispiellosen Wandel des Telemann-Bildes durch die Geschichte hin und kündigte ein reichhaltiges Themenspektrum der Konferenzbeiträge an. Thematisiert wurden nachfolgend Fragen des praktischen Umgangs mit Telemanns Kompositionen sowohl zu Lebzeiten als auch nach dem Tod des Komponisten (1767), ebenso Fragen nachlassender Wahrnehmung und Wertschätzung Telemanns insbesondere im 19. Jahrhundert sowie Grundlinien der Telemannrezeption im 20. Jahrhundert.

Mit Beziehungen Telemanns zu Musikerpersönlichkeiten, Musikliebhabern und Regionen seiner Zeit beschäftigte sich eine erste Gruppe von Beiträgen. Rashid-S. Pegah (Würzburg) gab mit seinem Referat zur Telemann-Rezeption der Gebrüder Uffenbach anhand ausgewählter Reise- und Briefliteratur erhellende Einblicke in das Frankfurter Musikleben jenseits der Öffentlichkeit und fokussierte damit das Beziehungsumfeld Telemanns in dieser Stadt. Verschiedenen Hinweisen auf zeitgenössische Telemann-Aufführungen in der Residenzstadt Schleiz ging Bernd Koska (Leipzig) anhand neuer Quellenkenntnisse nach. Peter Huth (Berlin) äußerte eine interessante Hypothese zur Transformation eines bisher noch nicht identifizierten Vokalwerkes Telemanns in ein Orchesterwerk nach Art einer Ouvertürensuite mit konzertierenden Instrumenten, die vermutlich durch den Kapellmeister der Darmstädter Hofkapelle, Christoph Graupner, bewerkstelligt wurde, und regte an, nach dem Text des ursprünglichen Telemann-Werkes zu forschen. Auf welche Weise Telemanns stilgerechte Auszierungskunst im 18. Jahrhundert Vorbildwirkung besaß, demonstrierte Walter Kreyszig (Saskatoon, Kanada/ Wien) durch den Vergleich empfohlener Diminutionen in Telemanns Methodischen Sonaten (Hamburg 1728, 1732) mit entsprechenden Vorschlägen im Versuch einer Anweisung die Flöte traversière zu spielen (Berlin 1752) von Johann Joachim Quantz. Neue Datierungsmethoden im Umgang mit den gedruckten Musikalien Telemanns wandte Kota Sato (Tokyo, Japan) an und stellte erste Ergebnisse vor, wonach der zwischen 1730 und 1732 zu beobachtende Wandel des Notenkopfes von der reinen Kugelform zur Ellipse Rückschlüsse auf Datierungen ermögliche.

Eine zweite Gruppe von Beiträgen thematisierte die Auseinandersetzung mit Telemann nach seinem Tod bis zum Beginn der durch Max Schneider 1907 initiierten Telemann-Renaissance und der nachfolgenden Beschäftigung mit seinem Werk im 20. Jahrhundert. Neue Fakten zur Rezeption von Telemann-Vokalwerken nach 1767 bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts vermochte Klaus-Peter Koch (Bergisch Gladbach) anhand nachweisbarer Aufführungen aufzudecken sowie lokal und temporal zu systematisieren, u. a. in Norddeutschland, Danzig und Riga, in kleineren Orten Mitteldeutschlands wie auch in protestantischen Kirchen Dänemarks und Schwedens, d. h. auch jenseits bisheriger Aufführungszentren seiner Werke. Einen ersten komprimierten Überblick zur Telemann-Rezeption in England und in den USA gab Stephen Zohn (Philadelphia, USA) nach Auswertung zahlreicher englischsprachiger Schriftzeugnisse aus Enzyklopädien, Lexika, Wörterbüchern und Zeitschriften aus dem Zeitraum von 1740 bis 1940. Im Vergleich zum deutschsprachigen Musikschrifttum seien demnach weit weniger ausgeprägte Verwerfungen in der Beurteilung des Komponisten zu verzeichnen. Den Beitrag des Magdeburger Domorganisten, Komponisten und Herausgebers August Gottfried Ritter (1811-1885) zur Telemann-Überlieferung in Magdeburg thematisierte Wolf Hobohm (Magdeburg/Weimar) unter Verweis auf gelegentliche Aufnahme einiger Einzelstücke in die Unterrichts- und Übungsliteratur. In Auseinandersetzung mit den Urteilen Arnold Scherings (1877-1941) war es das Anliegen von Christine Klein (Halle/Saale), den bisher eher zwiespältig bewerteten Beitrag des Musikforschers zur Telemann-Rezeption zu Beginn des 20. Jahrhunderts neu zu beleuchten und zu würdigen, worauf sich eine spannende Diskussion insbesondere zu Scherings stilistisch-analytischen Methoden wie auch zu seinem Geschichtsbild anschloss.

Ausgehend von der Telemann-Renaissance zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Blick in den anschließenden Referaten des zweiten Konferenztages auf verschiedene Telemann-Rezeptionsmuster in der Folgezeit gelenkt, ebenso auf aktuelle Fragen der praktischen Telemann-Pflege. Unter Bezugnahme auf bisher unveröffentlichte Briefkorrespondenzen zwischen dem Verlag Breitkopf & Härtel und den einzelnen Herausgebern zeigte Peter Schmitz (Münster) in seinen Untersuchungen der Telemann-Editionen innerhalb der Denkmäler Deutscher Tonkunst auf, in welcher Weise das ausgewählte Gattungsspektrum von publizierten Telemann-Werken den Kriterien einer planmäßigen Auswahl innerhalb der Denkmälerausgabe entsprochen hat. Auf die Wiederbelebung und Modifizierung von Telemanns Kantatenzyklus Die Tageszeiten TVWV 20:39 im Kontext sozialdemokratischer Arbeiterbewegung und volkstümlicher Konzerte der zwanziger Jahre bezog sich Brit Reipsch (Magdeburg) und konnte belegen, wie durch Transformation ursprünglich christlichen Gedankenguts ins allgemein Menschliche die geistlichen Inhalte aus der Textvorlage der Komposition eliminiert wurden. Auf erste modifizierte Wiederaufführungen von Telemanns Johannespassion (1741/49) in den Jahren 1932 in Hamburg und 1934 in Berlin – in beiden Orten unter dem Dirigat von Hans Hörner – ging Wolfgang Hirschmann (Halle/Saale) ein und äußerte angesichts festgestellter Auswahlkriterien zu Übernahme, Auslassung oder Ersatz von Arien, Chören und Chorälen die These eines ständigen bewussten oder auch unbewussten Vergleichs der Telemann-Komposition sowohl mit der Musik Bachs als auch mit den Chören Händels. Wesentliche Wurzeln der Magdeburger Telemann-Renaissance in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts deckte Ralph-Jürgen Reipsch (Magdeburg) insbesondere für die Zeit zwischen 1930 und 1945 auf und konstatierte die Vereinnahmung des Komponisten im Sinne der nationalsozialistisch geprägten Kulturpolitik neben den gefeierten ‚Musikheroen' Bach, Händel und Schütz. Unter Verweis auf nicht weniger als 115 belegbare szenische oder konzertante Aufführungen gab Carsten Lange (Magdeburg) detaillierte Informationen zur beinahe 80-jährigen Rezeptionsgeschichte von Telemanns Oper Der geduldige Socrates TVWV 21:9, ausgehend von der ersten Wiederaufführung 1934 in Krefeld bis in die Gegenwart, und betonte den Stellenwert dieser bedeutenden deutschsprachigen Barockoper innerhalb der Spielpläne von Opernhäusern und Mehrspartentheatern, auch über Deutschland hinausgehend, sowie im Prozess der musikalischen Ausbildung von Studierenden, auch in Abhängigkeit vom vorhandenen Aufführungsmaterial.

Anhand demonstrierender Klangbeispiele im Umgang mit Orchestersuiten Telemanns, eingespielt von der Cappella Coloniensis des WDR, erörterte Hans-Martin Linde (Basel) sehr eindrucksvoll wesentliche Kriterien barocker Aufführungspraxis, darunter sinnvolle Klanggebung, angemessene Artikulation, Phrasierung, Abschnittsbildung und Ornamentik. Punktuelle Blickerweiterungen hinsichtlich praktischer Telemann-Pflege außerhalb Deutschlands nahmen Franc Križnar (Maribor) für Slovenien sowie Sjur Haga Bringeland (Bergen/Leipzig) für Norwegen vor und stellten Bezüge zum derzeitigen dort existierenden Telemann-Bild her. Im abschließenden Beitrag gelang es Axel Berndt (Magdeburg), in Auswertung eines interdisziplinären Projektes zwischen Arbeitsgruppen der Otto-von-Guericke-Universität (Fakultät für Informatik) und dem Zentrum für Telemann-Pflege und -Forschung Magdeburg, das Phänomen der Interaktivität als grundlegendes Potential generativer Musik darzustellen und Rückschlüsse zur Telemannschen Ornamentik aufzuzeigen.

Im Resümee dankte Carsten Lange für die Beiträge der ertragreichen Tagung, in denen die Kontinuität des Telemann-Bildes über 300 Jahre zwar punktuell, aber dennoch in wohl überlegter Breite aufgezeigt wie auch verschiedene Ansätze im Umgang mit Telemann dargelegt wurden, und kündigte die Drucklegung des Tagungsberichtes an. Der abschließende Dank richtete sich gleichermaßen an den universitären und den gesellschaftlichen Partner als Mitveranstalter, an die Kollegen des Telemann-Zentrums und an das Land Sachsen-Anhalt sowie die Stadt Magdeburg, die die Tagung im Rahmen der Magdeburger Telemann-Festtage gefördert und damit ermöglicht haben.