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Jan Vermeer, Die Musikstunde | Royal Collection (London)

D-Mbs Mus.ms. C, fo. 2v und 3r | http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb00015144-2

Objektive Berichte? – Leopold Mozarts Aufzeichnungen über südwestdeutsche Hofkapellen

Schwetzingen, 28.09.2019

Von Yevgine Dilanyan, Schwetzingen – 01.04.2020 | Anlässlich des 300. Geburtstags von Leopold Mozart veranstaltete die Forschungsstelle „Geschichte der südwestdeutschen Hofmusik im 18. Jahrhundert“ der Heidelberger Akademie der Wissenschaften unter der Leitung von Silke Leopold eine Tagung, bei der Leopold Mozarts Aufzeichnungen (Briefpassagen und Reisenotizen) über die südwestdeutschen Hofkapellen kritisch hinterfragt wurden.

Einleitend schilderte Projektmitarbeiter Rüdiger Thomsen-Fürst die diesjährigen, Leopold Mozart gewidmeten Aktivitäten der Forschungsstelle und erläuterte den Fokus und die Ziele der Tagung. Im ersten Halbjahr wurde in Kooperation mit dem Museum und dem Stadtarchiv der Stadt Schwetzingen sowie mit dem Historischen Institut der Universität Mannheim eine Ausstellung „Es ist nur ein Dorf – Schwetzingen mit den Augen Leopold Mozarts“ im Karl-Wörn-Haus veranstaltet. Sie zeigte die überlieferten Dokumente Leopold Mozarts – ein Brief und Reisenotizen zum Aufenthalt der Familie Mozart im Sommer 1763 während der sogenannten „Wunderkindreise“ – im Kontext der Zeit und der Verhältnisse am Ort. Ähnliche Ziele verfolgte nun auch die Tagung, die Leopold Mozart in erster Linie nicht als Vater, Komponisten oder Pädagogen, sondern als informierten Zeitzeugen und Berichterstatter in den Fokus rückte. Seine schriftlichen Zeugnisse aus den Jahren 1763 bis 1766, in denen er über die südwestdeutschen Hofkapellen berichtete, wurden anderweitig vorhandenen Quellen gegenübergestellt.

Als eine „Person eigenen Rechts“ bezeichnete Silke Leopold (Heidelberg) Leopold Mozart in ihrem die Tagung eröffnenden Beitrag und problematisierte damit die Wahrnehmung seiner Persönlichkeit in der Forschung. Nach wie vor wird Leopold Mozart von der Nachwelt in erster Linie als Vater von Wolfgang Amadé gesehen. Im großen edierten Korpus der Briefe und Reiseaufzeichnungen von Leopold Mozart sucht man üblicherweise nach Informationen über seinen berühmten Sohn und übersieht oder überspringt gar hierbei die wertvollen Beiträge eines Zeitzeugen und aufmerksamen Beobachters, der mit scharfsinnigen Bemerkungen und Humor nicht nur über das Musikleben Europas, sondern auch ausführlich über Kleidung und Sitten, Kindererziehung und Medizin, Essen und Trinken, Religion und Konfession und nicht zuletzt über Geld und Preise berichtete. Wie gehaltvoll der Inhalt eines Briefs ausfiel, hing außerdem vom jeweiligen Adressaten ab. Die Briefe an den Freund und Gönner Johann Lorenz Hagenauer, in denen Mozart während der „Wunderkindreise“ seine vielfältigen Beobachtungen festhielt, sollten eines Tages als Grundlage für eine Art europäischen Reiseführer dienen. Eine weitere Facette ist das seit Langem etablierte negative Bild des gestrengen und despotischen Vaters, während die nähere Beschäftigung mit den an den Sohn gerichteten Briefen eigentlich eine andere, fürsorgliche Seite seines Charakters zum Vorschein bringt. Bemüht um Wolfgangs Zukunft versuchte er ihn mit gut gemeinten Ratschlägen, aber auch finanziell zu unterstützen. Aus der historischen Distanz erkennt man mittlerweile, dass der Vater des Öfteren Recht behielt: Der Sohn konnte mit Geld nicht umgehen, versagte in bestimmten Situationen und entzog sich der väterlichen Kontrolle. Der besorgte Vater und Ehemann, der Komponist und Verfasser einer mehrfach wiederaufgelegten Gründlichen Violinschule, der Beobachter und Zeitzeuge Leopold Mozart begegnete den Menschen und Ereignissen während seiner Reisen mit wachem Geist und offenen Augen. In der anschließenden Diskussion wurde über die Informationsquellen des Berichtenden und die Gegenbriefe diskutiert, denn seine Leistungen, wie er beispielsweise innerhalb einer Woche am kaiserlichen Hof in Wien eine Audienz bekam, verblüffen heute noch.

Das Impulsreferat von Hanna Knötzele (Schwetzingen) legte den Forschungsstand zur kurpfälzischen Hofmusik in Mannheim/Schwetzingen im Jahr 1763 dar. Hierbei stützte sie sich auf die Arbeiten von Bärbel Pelker und Joachim Kresin, aber auch auf die noch nicht veröffentlichten Materialien der diesjährigen Leopold-Mozart-Ausstellung in Schwetzingen. Anschaulich verglich sie die in den Reisenotizen Mozarts genannten Orte mit den damals tatsächlich durchgeführten städtebaulichen Maßnahmen und ging detailliert auf alle angeführten Themen ein: das Miteinander verschiedener Konfessionen, die Speisen, die Personen (Musiker, Adelige etc.), welche die Mozarts erlebten oder kennenlernten, den Auftritt von Nannerl und Wolfgang sowie die Eindrücke vom Hof und von der Hofkapelle. Das überschwängliche Lob, das Leopold Mozart der Mannheimer Hofkapelle und ihren als sittsam dargestellten Musikern aussprach, warf in der Diskussionsrunde Fragen auf. Ob die Musiker tatsächlich einen tadellosen Lebenswandel vorwiesen, lässt sich wohl schwer belegen. Die Absichten, die der Berichtende hierbei verfolgte, nährten unterschiedliche Mutmaßungen bis hin zu den Zukunftsplänen für seine außerordentlich begabten Kinder.

Im Brief vom 11. Juli 1763 äußerte sich Leopold Mozart mit Argwohn über den Stuttgarter Hofkapellmeister Niccolò Jommelli, „der sich alle Mühe giebt die Teutschen an diesem Hofe auszurotten, und nichts als Italiener einzuführen“. Zugleich lobte er Jommellis Musik und das Spiel des Violinisten Pietro Nardini. Sarah-Denise Fabian (Schwetzingen) hinterfragte den Wahrheitsgehalt dieser Aussagen. Auszüge aus dem Brief stellte sie der tatsächlichen Situation der Hofkapelle in Stuttgart und Ludwigsburg gegenüber. Hierbei untersuchte sie Jommellis Lebensumstände zu jenem Zeitpunkt sowie die Anzahl und Stellung der Italiener innerhalb der Hofkapelle. Außer dem Kapellmeister amtierte Nardini als Konzertmeister, darüber hinaus waren viele italienische Sänger am Hof engagiert. Zahlreiche Landsleute Jommellis und Nardinis – im Jahr 1763 machten sie fast die Hälfte der Hofkapelle aus – waren als Kammermusiker eingestellt und vor allem in der Streichergruppe stark vertreten. Eine Erklärung dafür sah die Referentin in der Bestrebung Jommellis, die Qualität und Ausdrucksfähigkeit des Orchesters zu verbessern, denn er legte großen Wert auf den instrumentalen Teil der Musik in seinen Opern. Erstaunlicherweise sind in seiner Amtszeit kaum Streitigkeiten oder Missstimmungen unter den Musikern in den Dokumenten belegt. Somit geben Mozarts Zeilen, der mit seinen Kindern am Hofe zu seinem Verdruss nicht vorstellig werden konnte, die Situation am Hofe (wenn auch emotional gefärbt) ziemlich genau wieder. In den Mittelpunkt der Diskussion rückte überraschenderweise die Randnotiz Leopold Mozarts über den Geiger Nardini. Es wurde vermutet, dass sie sich getroffen haben dürften – als Geiger kannte Nardini gewiss die Gründliche Violinschule – und wahrscheinlich erlebte der fachkundige Salzburger das Spiel des Italieners aus der Nähe. Ferner war man sich einig hinsichtlich der Zuverlässigkeit Mozarts, trotz des persönlichen Ärgers korrekte Informationen über Musiker und Musik zu liefern.

Mit einem „schwarzen Loch“ unter den südwestdeutschen Hofkapellen verglich Rüdiger Thomsen-Fürst (Schwetzingen) die bislang kaum untersuchte Hofkapelle zu Bruchsal. Eine kurze Bemerkung Leopold Mozarts in seinen Reisenotizen vom 12. Juli 1763 bringt vor allem seine Begeisterung für die neue Residenz zum Ausdruck. Über die Musik schreibt er hingegen sehr wenig. Welche Umstände in der Hofkapelle herrschten, welche Musik gespielt wurde und welche Musiker beschäftigt waren, legte der Referent anhand einer Grundlagenrecherche ausführlich dar. Die mühsame Pionierarbeit auf diesem Gebiet leistete Martin Schneider, denn es existiert weder ein eigener Aktenbestand zur Hofkapelle noch sind Musikalien überliefert. Glücklicherweise existiert ein Hofkalender aus dem Jahr 1762, dessen Auswertung einige Überraschungen zutage brachte. Zunächst versetzt der Personalstand der Kapelle in Erstaunen. Zu jenem Zeitpunkt ist sie zahlenmäßig die drittgrößte hinter Mannheim und Stuttgart. Allerdings hatten alle Musiker noch andere Aufgaben, das heißt es wurden keine Berufsmusiker beschäftigt bzw. diese wurden nicht als solche eingestellt. Das sagt jedoch nicht zwangsläufig etwas über die Qualität der Musik aus. Die Bruchsaler Musikalien sind entweder vernichtet oder verschollen. Zur Struktur des Musiklebens liefert jedoch das im Hofkalender enthaltene Kalendarium wichtige Anhaltspunkte. Im Zentrum stand naturgemäß die Kirchenmusik mit Oratorienaufführungen in der Karwoche als Höhepunkt. Auch zu Tafelmusiken wurden die Musiker herangezogen. Die im Hofkalender aufgeführten Musikernamen regten eine lebhafte Diskussion an. Die Namensliste weist keinen einzigen „ausländischen“ Musiker auf. Außerdem beeindruckte die bereits erwähnte große Besetzung der Hofkapelle, der etwa auch Klarinettisten angehörten.

Der vergleichsweise kleine Hof in Donaueschingen war eine beliebte Station für reisende Musiker, und so verbrachte Familie Mozart im November 1766 zwölf Tage am Hofe. Felix Loy (Albstadt) stellte umfassend die reziproken Beziehungen dar, die zwischen den Mozarts und Donaueschingen mehrere Jahre über die Grenzen des zwölftägigen Besuchs hinaus gepflegt wurden. Einerseits bestand ein Kontakt zu Sebastian Winter, mit dem Leopold Mozart eine Korrespondenz bezüglich der zu liefernden Musikalien oder Instrumente führte. Doch auch Wolfgang Amadé schrieb an Winter und schickte ihm seine Werke zu. Neben zahlreichen Abschriften und Bearbeitungen Mozartscher Musik im Donaueschinger Bestand findet sich eine D-Dur Sinfonie von Leopold Mozart aus dem Jahr 1771. Darüber hinaus machten die Mozarts die Bekanntschaft des Musikdirektors Franz Anton Martelli, der sie nach ihrer Ankunft in Empfang nahm. Auch den in Salzburg geborenen Flötisten und Oboisten Michael Obkircher, der von 1771 bis zu seinem Tod in Donaueschingen diente, dürften sie gekannt haben. Jahre später hielt der Mozart-Sohn immer noch Kontakt zu Wenzel Nördlinger, einem Nachfolger Martellis, dem er zwei seiner Violinkonzerte zusandte. Selbst die Begegnung mit dem Fürsten Joseph Wenzel von Fürstenberg verlief wahrscheinlich in einer herzlichen Atmosphäre, denn „wir weinten alle beym Abschiede;“, schrieb Leopold Mozart, „er bath mich ihm oft zu schreiben“. In der Diskussion wurde vordergründig das Problem thematisiert, dass die überlieferten Quellen und Zeugnisse über die Donaueschinger Hofmusik einen späteren Zeitraum beleuchten. Beispielsweise lässt sich die genaue Orchesterbesetzung zum Zeitpunkt des Mozartschen Besuchs noch kaum rekonstruieren.

Zum Schluss konnte die zentrale Frage des Symposiums beantwortet werden, denn Leopold Mozarts Berichte erwiesen sich als eine unverfälschte und zuverlässige Quelle, welche gleichwohl eine korrekte Interpretation erfordert. Einen zusätzlichen Faktor stellt die subjektive Färbung der Inhalte dar, die ein Zeitzeuge unvermeidlich einbringt und die deutlich ernster genommen werden sollte. Gerade der subjektive Eindruck erlaubt dem Leser, jene Zeit besser zu verstehen. Andererseits sei es bedauerlich, dass die Briefe Leopold Mozarts außerhalb der Musikwissenschaft kaum wahrgenommen werden, obwohl sie insbesondere für Historiker eine Fundgrube an Informationen über historische Fakten und Einordnungen bereithielten.

Die Veröffentlichung der Tagungsbeiträge ist vorgesehen.