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Fachgruppe Deutsch-Ibero-Amerikanische Musikbeziehungen Show image information
Fachgruppe Systematische Musikwissenschaft |
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Mitte oben: Das Tonbandgerät "Nagra IV-S" – ein Klang-Aufnahmegerät, das oft während Feldforschungen eingesetzt wurde
Mitte unten: Klangdokumente im Archiv
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Jan Vermeer, Die Musikstunde | Royal Collection (London) Show image information
D-Mbs Mus.ms. C, fo. 2v und 3r | http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb00015144-2 Show image information

Kommission für Auslandsstudien | Foto: Sabine Meine

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Fachgruppe Musikethnologie und vergleichende Musikwissenschaft | Links: Karnatische Musik mit Lalitha und Nandini Muthuswamy Mitte oben: Das Tonbandgerät "Nagra IV-S" – ein Klang-Aufnahmegerät, das oft während Feldforschungen eingesetzt wurde Mitte unten: Klangdokumente im Archiv Rechts: Die Musikstudentin Chiu Ju Liao beim Stimmen einer Yueqin

Jan Vermeer, Die Musikstunde | Royal Collection (London)

D-Mbs Mus.ms. C, fo. 2v und 3r | http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb00015144-2

Das Große Deutsche Sängerfest 1861 in Nürnberg und seine Komponisten. Akteure, Medien, Inszenierungen

Greifswald, 21.-23.10.2020

Von Verena Liu, Greifswald – 19.06.2021 | Ursprünglich für März 2020 angesetzt und aufgrund der Pandemie in den Herbst verschoben, fand diese internationale Fachtagung schließlich als eine der ersten größeren Tagungen des Alfried Krupp Wissenschaftskollegs im Hybrid-Format statt. Mit der Hälfte der Referent*innen vor Ort ließ das Hygienekonzept nur eine Handvoll Plätze für Publikum zu. Die zweite Hälfte wurde online zugeschaltet, der weitaus größere Teil des Publikums nahm ebenfalls online teil. Dank mehrerer Kameras, Mikrofone, Leinwand und Technikteam im Saal konnte der wissenschaftliche Austausch online und vor Ort so gut wie reibungslos ineinandergreifen.

Die Tagung blickte auf das mit etwa 5000 teilnehmenden Sängern und ca. 60000 Festgästen aus knapp 200 Städten große und bedeutende Sängerfest mit einem besonderen Fokus auf Medien und Inszenierungen, die involvierten Festkomponisten sowie Erinnerungskultur(en) rund um das Ereignis. Bedeutung erhielt das Sängerfest auch als Symbol der Sehnsucht nach nationaler Einheit im Vorfeld der Reichsgründung 1871 sowie als Impulsgeber für die 1862 erfolgte Gründung des Deutschen Sängerbundes, einer Vorgängerorganisation des heutigen Deutschen Chorverbandes. Den eröffnenden Abendvortrag hielt Hartmut Krones (Wien) über die Wirkung des „deutschen Liedes“ hinsichtlich der Bestrebungen für die deutsche Einheit in den 1860er Jahren und analysierte zeitgenössische Aussagen zum Empfinden nationaler Zugehörigkeit. Dabei bezog er auch die österreichische Sichtweise ausführlich mit ein, denn österreichische Zeitungen berichteten laut Krones sehr ausführlich und deutlich kontroverser als das offizielle Gedenkbuch über das Sängerfest. Die österreichische Presse feierte zudem den Wiener Männergesangsverein, der beim Sängerfest in Nürnberg als 1. Preis einen silbernen Pokal errang. Tagungsveranstalter Martin Loeser (Paderborn/Greifswald) betonte in seinem einleitenden Vortrag ebenfalls die unterschiedliche Darstellung des Sängerfestes im offiziellen Gedenkbuch im Vergleich zu kritischen Stimmen aus Fachzeitschriften wie der Süddeutschen Musikzeitung. Am Beispiel des Festkomponisten Ferdinand Möhring zeigte er die Bedeutung von Stammbucheinträgen als relevanter Quelle für die Erschließung der Festkultur jenseits des offiziellen Programms.

Die erste Sektion der Sitzung beleuchtete das mediale Echo und Wirkungen über das Sängerfest hinaus. Michael Fjeldsøe (Kopenhagen) setzte die relativ geringe Teilnehmerzahl aus norddeutschen Städten und die kaum existierende Berichterstattung in der dänischen Presse in Bezug zum politischen Konflikt um Schleswig und Holstein sowie die Verbreitung einer pan-skandinavistischen Haltung unter Dänen, Schweden und Norwegern. Seiner These nach waren Sängerfeste seit den 1840er Jahren eher Ausdruck einer kulturell-lokalpatriotischen als einer politischen Zugehörigkeit, wie zahlreiche in norddeutschen Städten organisierte Sängerfeste zeigten. Dietmar Klenke (Paderborn) wies mit Blick auf die Medienwissenschaft auf die wichtigen außermusikalischen Bedeutungen von Musikpraxis hin, die gerade bei Festveranstaltungen mit Chören starke intermediale Facetten aufweist. In diesem Zusammenhang plädierte er dafür, in der musikwissenschaftlichen Forschung zum 19. und 20. Jahrhundert sensibel für die Existenz und Auswirkung nichtkirchlicher Religiosität zu sein. Die Bedeutung des Nürnberger Sängerfestes für die Organisation von deutschbaltischen Sängerfesten zeigte Anu Schaper (Tallinn) und beschrieb, wie wichtig den Teilnehmenden an Sängerfesten neben den repräsentativen Umzügen und Festkonzerten das spontane Singen, die Geselligkeit, gegenseitiges Kennenlernen, Essen und Trinken und somit das gesamte Erlebnis von der Anreise bis zur Rückkehr war. Gesa zur Nieden (Greifswald) untersuchte die zum Sängerfest errichtete temporäre Sängerhalle, die äußerlich Reminiszenzen an die Nürnberger Stadtsilhouette, den Nürnberger Bahnhof und sakrale Elemente wie eine große zentral im Giebel platzierte Rosette zeigte. Die akustische Umgebung des Sängerfestes wie zum Beispiel das Fahnenrauschen oder die kurze Stille, bevor ein Chor zu singen beginnt, sei in der Festkomposition Germania-Marsch von Friedrich Lux aufgegriffen worden.

Die zweite Sektion stellte die Festkomponisten mitsamt ihren Karrieren und Netzwerken in den Mittelpunkt. Die Verbindung und Rekrutierung von Sängern, Dirigenten und Komponisten durch bürgerliche Netzwerke thematisierte Harald Lönnecker (Chemnitz/Koblenz) mit umfangreichen prosopographischen Angaben zu den in die Planung und Durchführung des Nürnberger Sängerfestes involvierten Personen und zu den Beteiligten am Festkommers. Neben familiären Kontakten hatte die Unterstützung durch studentische Verbindungen, akademische Gesangsvereine, Berufsverbände, Casinovereine und auch Freimaurerlogen eine große Bedeutung für Musikerkarrieren im Chorwesen. Alexander Arlt (Feuchtwangen) stellte den umfangreichen kompositorischen Nachlass von Valentin Eduard Becker vor. Zahlreiche Studentenlieder von Becker finden sich in den Kommersbüchern studentischer Verbindungen, unter anderem komponierte er auch das Frankenlied. Den Komponisten Ferdinand Möhring konnte Ulrike Liedtke (Potsdam) mitsamt zwei Tagebüchern aus den Jahren 1830–1835 als einer neu entdeckten Quelle aus seiner Jugendzeit präsentieren. Zusätzlich stellte sie die Arbeit der 2017 in Brandenburg gegründeten Ferdinand-Möhring-Gesellschaft vor, die sich unter anderem zum Ziel gesetzt hat, dem Komponisten, Musikpädagogen und Chorleiter als weit über die Lokalgeschichte Neuruppins hinaus wirksame Persönlichkeit durch Vermittlungsarbeit mehr Öffentlichkeit zu verschaffen.

In der dritten Sektion zum Themenkreis Erinnerungskultur(en) analysierte Barbara Eichner (Oxford) die Stadt Nürnberg als geschmückten „Festsaal“, wobei die Bewohner*innen der Stadt große Eigeninitiative beim Schmücken ihrer eigenen Häuser zeigten, aber auch ein offizielles Dekorationskomitee unter der Leitung der Kunstgewerbeschule eingesetzt worden war. Eichner lenkte in diesem Zusammenhang die Aufmerksamkeit auf den Anteil, den Frauen am Sängerfest hatten. Friedhelm Brusniak (Würzburg) zeigte Strategien der Erinnerungsbildung auf, wie sie etwa im Gedenkbuch der Stadt Nürnberg, dem Silberpokal für den Preisträger oder auch in einem Tableau, auf dem alle teilnehmenden Chöre samt Wappen festgehalten worden sind, erkennbar werden. Für die Zukunft regte Brusniak an, Forschungsfragen zu entwickeln, die Sänger- und Musikfeste gleichermaßen einbeziehen. Auch beim Nürnberger Sängerfest seien Instrumentalist*innen involviert gewesen. Jeroen van Gessel (Groningen) legte einen Schwerpunkt auf überlieferte Ego-Dokumente aus den Niederlanden, die persönliche Erlebnisse und Erfahrungen mit Sängerfesten schildern. Er stellte einen deutlichen nationalen Unterschied fest zwischen der deutschen Festkultur, die eher auf große Massen ausgelegt war, und der niederländischen, eher feierlich-ernsthaften Gestaltung von Sängerfesten. Im letzten Vortrag der Tagung warfen Friederike Wißmann (Rostock) und Yvonne Wasserloos (Rostock) einen Blick auf Sängerbewegungen in den beiden deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Mit Bezug auf den Nationalsozialismus analysierte Wasserloos das Massensingen und seine Wirkung auf den Nürnberger Reichsparteitagen. Wißmann dagegen betonte, dass die Singebewegung der DDR aus bürgerlichem Engagement heraus entstand und zu Beginn keine politische Agenda hatte, aber vom DDR-Regime schnell aufgegriffen und in die eigene Propaganda eingegliedert wurde.

Die Abschlussdiskussion ergab das Bild weniger Kontroversen innerhalb der Thematik, dafür zahlreicher neuer Ergänzungen zum bisherigen Wissensstand. Forschungsdesiderate sah man vor allem in Bezug auf Ehrenmitgliedschaften, Berücksichtigung der Farbgebung und anderer visueller Komponenten bei Sängerfesten und Chorauftritten, den Sängergruß als musikalischer Gattung, Beteiligung von Frauen im Chorwesen der Männer, Festkomponisten und die wirtschaftliche Verwertung der Festkompositionen (unter anderem durch Verlage) sowie die ökonomischen und organisatorischen Aspekte von überregionalen Sängerfesten. Ein Tagungsband ist bereits in Vorbereitung.