Singende Kurtisanen und andere Grenzfiguren musikhistorischer Praktiken und Projektionen

Fachgruppensymposium im Rahmen der GfM-Tagung (Köln), 14.09.2024

Leitung: Prof. Dr. Sabine Meine (HfMT Köln), Dr. Anna Ricke (Universität Paderborn/HfM Detmold)

Es sind Überschreitungen gesellschaftlicher und künstlerischer Normen, die singende Kurtisanen zu Grenzfiguren der Musikgeschichte machen. Seit antiken Warnungen vor der weiblichen Verführungsmacht Musik werden Kurtisanen Kunstfertigkeiten und Rollen überantwortet, die Sinne und Geist besonders reizen und somit zu Anbetung wie Stigmatisierung gleichermaßen herausfordern. Über die Jahrhunderte sind Beispiele von Sänger*innen zahlreich, die in ihren Musikpraktiken ebenso idealisiert wie ausgegrenzt wurden. Aufgrund ihres Geschäfts mit der Liebe soziale Randfiguren und häufig in existentieller Abhängigkeit von einem Förderer, waren sie und ihre Kunstdarbietungen gleichwohl einflussreich und konnten musikalisch zu Grenzerfahrungen herausfordern. Als oftmals bestens ausgebildete und freier agierende Frauen ihrer Zeit, deren Handeln auch von Männern adaptiert wurde, sind sie von wesentlicher Bedeutung für die Gender Studies. Die musikwissenschaftliche Erforschung der Gesangskunst von Kurtisanen ist jedoch insgesamt gesehen überschaubar; grundlegende Studien wie Feldman/Gordan (The Courtesan’s Art, 2006) gingen von Beispielen der italienischen Renaissance aus, lenkten den Blick jedoch auch auf u.a. japanische Geishas, koreanische Giaseng und moderne Kurtisanen in Nord-Indien. Das Tagungsthema wird in drei thematisch profilierten Sektionen mit insgesamt zehn Vorträgen (dt./engl.) sowie einer einleitenden Keynote der Veranstalterinnen diskutiert.

Sektion 1: Singende Kurtisanen im Venedig und Rom des 16./17. Jahrhunderts

  • Simona Gatto (ESP): Polissena Pecorina: a Florentine cantatrice in 16th-century Venice
  • Laura Bou-Vinals (Leipzig): Sängerinnen der ospedali veneziani – geistliche Kurtisanen?
  • Prof. Dr. Antje Tumat (Detmold/Paderborn): Barbara Strozzi – eine ehrenwerte Kurtisane? Historische Quellen zwischen Interpretation und Projektion
  • Dr. Nastasja Gandolfo (IT): Il Puttanismo romano von Gregorio Leti: ein Einblick in die Geschichte der römischen Kurtisanen des 17. Jahrhunderts

Sektion 2: Singende Kurtisanen und Grenzfiguren auf der Bühne

  • Dr. Emmanuela Wroth (CAN): All Singing, All Dancing: Creating the Courtesan on the Parisian Popular Musical Stages, c. 1830–1860
  • Andrea Pilz (AT): Helene, Maria Jeanne, Marquise und Graf Orlofsky – weibliche Kurtisanen und die Hosenrolle in der Operette
  • Prof. Dr. Kordula Knaus (Bayreuth): “Morta! morta! Mai più danzar!” Intersektionale Perspektiven auf Puccinis Madama Butterfly
  • Prof. Dr. Carolin Stahrenberg (Linz): Von Huren und Gigolos – käufliche Dienste und sexuelle Hörigkeit in populären Liedern der 1920er- und 30er-Jahre

Sektion 3: Sing-Song Girls in China von der Ming Dynastie bis ins Shanghai der 1930er Jahre

  • Dr. Yuemin He (UK): Sirens of Late Ming China: Unveiling the Artistry and Persona of Courtesans in Songwriting
  • Zhou Huize (Detmold/Paderborn): Zwischen Sängerin und Sing-Song-Girl: Quellen zu weiblichen Stars in Shanghai der 1930er Jahre