Tagungsberichte | 2016

Bonn, 19. bis 22. September 2016

Beethoven-Studienkolleg 2016 „Beethoven und Haydn: Schaffensprozesse und Überlieferung“

von Sophia Gustorff, Zürich

Ein Student hält die Kopie eines Skizzenblattes von Haydn in die Höhe: „Hier hat er angefangen, bei Nr. 23, und dann so weitergeschrieben.“ Sein Finger deutet den mutmaßlichen Schreibverlauf in einer Diagonale quer über das Blatt. „Könnte es denn nicht auch sein, dass er tatsächlich bei Nr. 1 begonnen hat?“, melden sich seine Mitstreiter zu Wort. Die jungen Forscher sind voll aktiviert und stehen dabei erst am Anfang eines viertägigen Streifzuges durch den Bereich der Musikphilologie, zu dem das Beethoven-Haus Bonn im Rahmen des Beethoven-Studienkollegs Studenten und Doktoranden seit 2007 regelmäßig einlädt. Das diesjährige Beethoven-Studienkolleg fand vom 19. bis 22. September in Kooperation mit dem Joseph-Haydn-Institut in Köln unter der Leitung von Christine Siegert und Armin Raab statt. Die Veranstaltung zum Thema „Beethoven und Haydn: Schaffensprozesse und Überlieferung“ bot zwölf internationalen Teilnehmern die Gelegenheit, sich praxisnah über das Werk der beiden Komponisten zu informieren und mit Experten in Austausch darüber zu begeben. Die Zusammenarbeit der beiden Forschungsinstitute ermöglichte überdies, Quellen und Kompositionsprozesse im Vergleich zu betrachten und zu diskutieren. Gefördert wurde das Studienkolleg durch die GfM und die Akademie der Wissenschaften in Mainz.

Mitarbeiter der Haydn- und Beethoven-Gesamtausgaben verschafften den Studierenden einen differenzierten Überblick über die jeweilige Quellenlage, Quellentypen und die Möglichkeiten und Grenzen der editorischen Erschließung. Im Vergleich wurde deutlich, wie die Methoden der Quellenkritik, z. B. Filiation und Stemmabildung, am Gegenstand entwickelt werden und die Editoren bei jeder Quelle vor neuen Problemen stehen. Die Fragen, die sich in ihrem Arbeitsalltag stellen, richteten sie nun an die Kollegiaten: „Wie würden Sie sich entscheiden?“ Am praktischen Beispiel vermittelten sie somit, dass die musikphilologische Tätigkeit mit der Erstellung von kritischen Apparaten und Werkverzeichnissen weit über das bloße „Notensetzen“ hinausreicht und eine ständige Bereitschaft voraussetzt, die Quellen kritisch zu überprüfen, offenen Fragen nachzugehen und Entscheidungen zu treffen.

Philologische Praxis übte man schließlich auch auf dem Papier. In die traditionelle Quellenkollation eingeführt wurden die Teilnehmer am Beispiel von Volksliedbearbeitungen Beethovens und Haydns. Im unmittelbaren Umgang mit den Quellen wurden nicht nur ihre Geduld und ihr Feingefühl getestet, sondern auch die kritische Reflexion der Methoden angeregt. Anhand einer Skizzenbuchseite von Beethoven wurde gemeinsam erörtert, welche Optionen der Übertragung und Darstellung es gibt und welche Vor- und Nachteile sie jeweils bieten. Einen Einblick in die digitale Musikeditionspraxis gewährten die Mitarbeiter von „Beethovens Werkstatt“, dem vom Beethoven-Haus Bonn, der Universität Paderborn und der Hochschule für Musik Detmold im Verbund getragenen Pionierprojekt.

Über den thematischen Schwerpunkt des Kollegs hinaus stellten einzelne Studierende und Doktoranden eigene Forschungsprojekte zu Beethoven oder Haydn zur Diskussion. Das große Interesse der Teilnehmer und der wissenschaftlichen Mitarbeiter des Beethoven-Hauses wie des Joseph-Haydn-Instituts an den individuellen Fragestellungen bestätigte das Beethoven-Studienkolleg als einzigartiges Forum für Nachwuchswissenschaftler. Abgerundet wurde das Programm durch eine Führung im Beethoven-Haus, einen historisch-kritischen Stadtspaziergang in der Bonner Altstadt sowie einen Konzertbesuch im Rahmen des Beethovenfestes.