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Jan Vermeer, Die Musikstunde | Royal Collection (London)

D-Mbs Mus.ms. C, fo. 2v und 3r | http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb00015144-2

Sakralarchitektur, Ritus und Musik zwischen Byzanz und dem Westen (6.-15. Jh.)

Mainz, 21.-23.01.2021

Von Chantal Köppl, Mainz – 19.06.2021 | Durch die zunehmende kompositorische Produktion von Kirchenmusik bedingt, entwickelte sich ausgehend vom Spätmittelalter bis in die Frühe Neuzeit ein neues Verständnis von Musik im Gottesraum und mit ihm die musikalische Aufführungspraxis. Als eine dieser Auswirkungen sind die vielfach verzeichneten Errichtungen von Sängerkanzeln, Orgelemporen und anderen baulichen Erweiterungen in Kirchenräumen zu sehen, welche die Musik nicht nur sichtbarer, sondern auch zu einem integralen Bestandteil des Gottesdienstes werden ließen. In welchem Verhältnis standen Kirchenmusik und Kirchenarchitektur zueinander? Wie nutzten Komponisten und Ausführende die sich ihnen bietenden architektonischen und akustischen Bedingungen der Kirchenbauten? Inwieweit wurden Aspekte der Akustik und der musikalischen Performanz bereits in der Architekturtheorie oder bei der Planung und Errichtung neuer Sakralbauten bedacht?

Diesen und weiteren Fragen geht das von Klaus Pietschmann geleitete, gemeinsam mit Tobias C. Weißmann durchgeführte Forschungsprojekt CANTORIA – Musik und Sakralarchitektur nach. Bereits im Dezember 2019 lud CANTORIA WissenschaftlerInnen zu der internationalen Tagung Music, Performance, Architecture. Sacred Spaces as Sound Spaces in the Early Modern Period ein, die in Rom und im Vatikan veranstaltet wurde. Während bei dieser Konferenz der Fokus auf Italien im 16. bis 18. Jahrhundert lag, nahm die hier besprochene Tagung das skizzierte Phänomen in einer zeitlich und geographisch größeren Perspektive in den Blick: Die digital ausgerichtete Konferenz diskutierte den wechselseitigen Einfluss von Musik, Ritus und Klang in Sakralbauten von der Spätantike bis zum Spätmittelalter in vergleichender Perspektive zwischen Ost- und Westkirche.

Die in Kooperation mit dem Institut für Kunstgeschichte und Musikwissenschaft (Abteilung Musikwissenschaft) der Johannes Gutenberg-Universität, dem Leibniz-Institut für europäische Geschichte und dem Leibniz WissenschaftsCampus „Byzanz zwischen Orient und Okzident“ veranstaltete Konferenz versammelte WissenschaftlerInnen aus der Byzantinistik, christlichen Archäologie, Musikwissenschaft, der Kunst-, Architektur- und Liturgiegeschichte sowie der Kirchengeschichte, die sich den aufgeworfenen Fragestellungen in insgesamt vier thematischen Sektionen näherten.

Nach der Begrüßung der TeilnehmerInnen durch Irene Dingel, der Direktorin des Leibniz-Instituts für Europäische Geschichte, führten die Veranstalter Klaus Pietschmann und Tobias C. Weißmann (beide Mainz) in das Thema der Tagung ein, wobei sie Forschungstraditionen und neuere -ansätze präsentierten und Desiderate deklarierten. In der ersten, grundlegenden Sektion, die von Christine Stephan-Kaissis (Mainz) geleitet wurde, nutzte zunächst der Londoner Musikwissenschaftler und Leiter des Vokalensembles Cappella Romana Alexander Lingas die erste Keynote Lecture, um die Spezifika der Notation von Gesängen des byzantinischen Ritus zu diskutieren, deren Erforschung durch eine spärliche Überlieferungssituation erschwert ist. Anhand möglicher Zusammenhänge zwischen der Textbehandlung in Psalmodien und deren Ausführung in großen Sakralbauten wie der Hagia Sophia problematisierte er die Ausrichtung musikalischer Formen auf diese „Klangräume“. Im nächsten Vortrag erläuterte Jutta Günther (Göttingen) die Verbreitung und identitätsstiftende Funktion von Psalmodien und Trisagion-Hymnen nach der Glaubensspaltung im 4. Jahrhundert. Am Beispiel von Mailand und Konstantinopel konnte die Althistorikerin aufzeigen, dass diese frühen geistlichen Gesänge in Verbindung mit neuen Kirchenbauformen zur Abgrenzung des christlichen Kults in kirchlichen wie öffentlichen Räumen zum Einsatz kamen und so auf ein enges Zusammenspiel von Vokalmusik, Doktrinen und Räumen hinweisen. In vergleichender Perspektive von spätantiken und spätbyzantinischen Kirchenbauten thematisierte Spyridon Antonopoulos (London) das Verhältnis von Raum und Klanggeschehen und konnte darlegen, dass Sänger wie Komponisten die akustischen Eigenarten der Kirchenräume, in denen sie praktizierten, bewusst nutzten. In seinem Abendvortrag präsentierte der Kunsthistoriker Vasileios Marinis (New Haven) eine Neuinterpretation der häufig in byzantinischen Sakralräumen in Form monumentaler Wandmalereien dargestellten Kommunion der Apostel, die entgegen mehrfach artikulierter Deutungen nicht etwa auf die liturgische Praxis Bezug nahmen, sondern aufgrund der ostkirchlichen, liturgischen Gewandung Christi als religionspolitisches Statement des ökumenischen Patriachats in Abgrenzung von der Westkirche  zu verstehen sind.

In einer zweiten, von Johannes Pahlitzsch (Mainz) moderierten Sektion mit dem Schwerpunkt Byzanz thematisierte Nicoletta Isar (Kopenhagen) zu Beginn des zweiten Konferenztages das Zusammenwirken von Gesang und rituellen Handlungen unter Einbezug von Ambo und Solea als neuen baulichen Elementen im Kirchenraum am Beispiel des im 6. Jahrhundert eingeführten byzantinischen Cherubim-Hymnus. Dabei zog die Byzantinistin Parallelen zwischen der Funktion und Aufstellung von Sängern zu Scholae cantorum in westlichen Zeremonien. Mit Blick auf die komnenischen Kreuzkuppelkirchen in Konstantinopel machte der Historiker Nicholas Melvani (Mainz) deutlich, in welchem Maße Liturgien und Zeremonialia auf die Handlungsräume abgestimmt waren und wie die Verzahnung von Kirchenarchitektur, Liturgie, Zeremoniell sowie dekorativen und musikalischen Elementen im byzantinischen Ritus zu dessen „multisensorischem“ Erleben beitrug.

In den beiden darauffolgenden Beiträgen standen ikonographische Überlegungen zu spätbyzantinischen Darstellungen im Fokus der interdisziplinären Betrachtungen. So beschäftigte sich Jon Cosme Cubas Diaz (Göttingen) mit den vermehrt als Rezeption des marianischen Akathistos-Hymnus entstandenen Bilderzyklen und zog dabei den in die byzantinische Liturgie eingegangenen Hymnentext als Beispiel für das Zusammenwirken von Schrift, Musik und bildender Kunst heran. Martina Horn (Mainz) ging durch Rekonstruktion funeraler Rituale dem Realitätsbezug einer Reihe von spätbyzantinischen Bildmotiven nach, die in zunehmendem Maße die Beteiligung von Chorsängern an Totenfeiern zeigten, und bekräftigte so ihre These, wonach die Verbindung visueller und akustischer „Aurae“ in Form der Totengesänge dazu diente, das Totengedenken zu fördern.

Nach der Konzentration auf die byzantinische Ostkirche wurde in der dritten Sektion, deren Leitung Massimo Bisson (Venedig) oblag, ein vergleichender Blick in den lateinischen Westen geworfen. Dabei untersuchte zunächst Viktoria Imhof (Marburg) die Korrelation von Architektur und liturgischen Handlungsräumen in Doppelklöstern des 12. bis 14. Jahrhunderts. Unter Berücksichtigung der baulichen Begebenheiten der Klosteranlagen und erhaltener Libri ordinarii ging die Musikwissenschaftlerin der Frage nach den Umsetzungsmöglichkeiten des auf dem zweiten Laterankonzil erlassenen Verbots von gemischtgeschlechtlichen Chorgesängen nach. Ähnlich widmete sich Janine Droese (Hamburg) in ihrem Beitrag der Frage, wo genau sich Sängergruppen im 15. und 16. Jahrhundert in den Kirchenräumen verorten lassen und inwieweit diese Aufstellungen von bestimmten Formen des Kirchenbaus abhingen oder auf besondere liturgische Kontexte reagierten. In diesem Zusammenhang kam sie auf den Ambo als einen nachweislich präferierten Aufstellungsort zu sprechen. Der zweite Konferenztag endete mit dem Abendvortrag von Christian Freigang (Berlin) zum Bau der Kathedrale von Notre Dame und der sich etwa um die gleiche Zeit ausbildenden Ars nova im Paris des 13. Jahrhunderts. Der Architekturhistoriker konnte aufzeigen, wie das Zusammenwirken architektonischer, künstlerischer und klanglicher Strukturen und Elemente nicht nur im Innern, sondern etwa durch die Portalgestaltung und das erneuerte Glockengeläut auch nach außen in die Entstehung unterschiedlicher „Klangräume“ mündete. Der Themenblock zum lateinischen Westen, in dem das angekündigte Referat von David Catalunya (Würzburg) leider entfallen musste, schloss am letzten Tag mit dem Beitrag von Elisabetta Scirocco (Rom), die die bautechnischen Besonderheiten der Kirche Corpus Christi bzw. Santa Chiara in Neapel mit den unterschiedlichen Nutzungskontexten der angevinischen Basilika in Verbindung brachte und daran abermals die Funktion und gezielt forcierte Verschränkung von Architektur, liturgischer, künstlerischer sowie symbolischer Gestaltung deutlich machte.

Im Mittelpunkt der letzten Sektion standen schließlich Orte, Objekte und Relikte, anhand derer sich das Zusammentreffen von byzantinischer und lateinischer Welt sowie daraus hervorgegangene Adaptionen und Transferprozesse feststellen lassen. Die Interdependenz von Liturgie und Architektur machte zunächst Thomas Dittelbach (Bern) am Beispiel großer, süditalienischer Sakralbauten des 12. Jahrhunderts, allen voran der Cappella Palatina in Palermo, zum Thema seines Beitrags. Dabei zeigte der Kunsthistoriker die Konstitution und akustische Qualität der Bauten unter Berücksichtigung modularer Bauelemente – insbesondere der hölzernen Deckenkonstruktion – sowie die Rolle von Hymnen, Lauden und Homilien im Zusammenhang mit Adaptions- und Transferprozessen zum Zweck der normannischen Herrschaftsrepräsentation in Sizilien auf. Auch Susanne Müller-Bechtel (Leipzig) nahm den süditalienischen Raum als Transferraum lateinischer und byzantinischer (Sakral-)Kultur in den Blick und brachte in ihrem Referat die hochmittelalterlichen, mit Texten, Musik und Illuminationen versehenen Exultetrollen als Objekte kultureller Wechselwirkungen und multisensorischen Erlebens der Osterliturgie in die Diskussion ein. Den letzten Beitrag in der Sektion zum „Mittelmeerraum als Ort der Begegnung zwischen Ost und West“ lieferte Danai Thomaidis (Venedig), die das Aufeinandertreffen von Byzanz und dem Westen in Candia (Kreta) thematisierte. Dabei konnte die Kunsthistorikerin aufzeigen, dass griechische und lateinische Riten, Bildprogramme und Architekturelemente in „hybriden Kirchen“ vereint wurden und entsprechend als lebendige Beispiele für die Koexistenz von Ost- und Westkirche angesehen werden können.

Die Abstracts sämtlicher Beiträge sind auf der Webseite des Forschungsprojekts CANTORIA – Musik und Sakralarchitektur nachzulesen. Die Veranstalter und TeilnehmerInnen freuten sich außerdem über das Interesse des Deutschlandfunks, der am 25. Januar 2021 in seinem „Musikjournal“ über die Fachtagung berichtete (hier nachzuhören).