Das Werk im Leben – das Leben im Werk. Biographische Blicke auf Musik und Musiker der Renaissance – 25 Jahre „troja“

von Adrian Brenneisen (Trossingen)

Vom 16. bis 18. April 2026 kehrte „troja. Kolloquium und Jahrbuch für Renaissancemusik“ an seinen Ursprungsort, an die Staatliche Hochschule für Musik Trossingen, zurück und feierte dort sein 25‑jähriges Bestehen mit einer Tagung zum Thema „Das Werk im Leben – das Leben im Werk. Biographische Blicke auf Musik und Musiker der Renaissance“. Die von Nicole Schwindt und Michael Meyer organisierte Veranstaltung widmete sich in historischer Perspektive den Voraussetzungen, Ausprägungen und Folgen renaissancebezogener musikalischer Biographik. Zugleich markierte die Tagung den Abschied von Nicole Schwindt aus dem Organisationskomitee von troja. Sie hatte die Veranstaltungsreihe 2001 in Trossingen ins Leben gerufen und über viele Jahre geprägt, ab 2009 gemeinsam mit Fachkolleg:innen aus dem In- und Ausland. Nach ihrem Ausscheiden liegt die Verantwortung von troja in den Händen von Katelijne Schiltz (Regensburg) und Antonio Chemotti (Leuven).

Interdisziplinärer Ausgangspunkt: Vasari und die Künstlerbiographie: Einen kunsthistorischen Auftakt der dreitägigen Veranstaltung bildete am Donnerstagabend der Vortrag von Christoph Wagner (Regensburg) mit dem Titel „Vero o ben trovato? Giorgio Vasaris Lebensbeschreibungen als Kunstgeschichten“. Wagner stellte Vasaris 1550 erstmals erschienene Vitensammlung Le vite de’ più eccellenti pittori, scultori e architettori als grundlegenden Text der frühneuzeitlichen Künstlerbiographik vor und fragte, was sich daraus für heutige biographische Praxis und deren Geschichte ableiten lässt. Im Zentrum standen Überlegungen zur Biographiewürdigkeit – also dazu, wer überhaupt als biographisch „erfassungswürdig“ galt – und die Beobachtung, dass Vasari neue Ebenen in die Gattungsgeschichte einbrachte, indem er Lebensbeschreibungen mit Kunsttheorie und Stilgeschichte (disegno vs. maniera) verschränkte. Außerdem legte er aus interdisziplinärer Perspektive wesentliche Fragestellungen der Folgetage dar.

Einführung in Thema und Zielsetzung: Nach einer Begrüßung durch Michael Meyer gab Nicole Schwindt einen Überblick von Konzept und Absichten der Tagung. Dabei formulierte sie ein wesentliches Ziel: Das Adressieren des vorherrschenden Mangels an expliziter Reflexion über Musikerbiographik sowie das exemplarische Nachzeichnen biographischer Zugänge im Zusammenhang mit der Renaissance. Dabei sollte gefragt werden, mit welchen Absichten Biographien entstanden und welche Deutungsstrukturen sich in ihnen verfestigten. So sollten auch grundsätzliche methodische Überlegungen im Rahmen der Tagung vorangebracht werden.
Den Eröffnungsvortrag hielt Laurenz Lütteken (Zürich) über „Guillaume Dufay und die Entstehung der musikalischen Biographie“. Ausgehend von fiktionalen Romanen der letzten Jahrhunderte rund um Dufays Leben thematisierte er die Literarizität musikalischer Biographien und die Diskrepanz zwischen scheinbar gesichertem Wissen und der tatsächlichen Faktenlage. Anhand der Motette Ave regina caelorum III und der in ihr eingefügten Bitte für sich selbst („Miserere tui labentis Du Fay“) zeigte Lütteken, wie Dufay über die Nennung seines eigenen Namens ein ausgeprägtes Bewusstsein für „irdischen Leistungsnachweis“ formuliert und sich zugleich in Strukturen der Memoria einschreibt. Außerdem diente eine Trias von Produktion, Reproduktion und Archivierung als Strukturmodell musikalischer Erinnerung; Dufays gezielte Sammlung seiner Werke in mehreren Codices wurde als Ausdruck eines künstlerischen Selbstbewusstseins und zunehmender Professionalisierung gelesen. Zugleich analysierte Lütteken Komponieren als durch Gattungsvorgaben und rhetorische Modelle normierte Praxis, die sich in einem Spannungsfeld mit Individualisierungsbestrebungen befand. In der anschließenden Diskussion wurde u. a. die Verflechtung von Biographik, Frömmigkeitskultur und liturgischer Praxis hervorgehoben.

Geschichte der Biographik: Diese Sektion widmete sich zunächst systematischen Fragen musikalischer Lebensbeschreibungen in der Renaissance, wie sie die Quellenlage insbesondere seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert ermöglicht. Michael Meyer (Trossingen) stellte in seinem Beitrag mit dem Titel „Zwischen Panegyrik und Prosopographie: Musikalische Biographik im 16. Jahrhundert“ eine heterogene Quellenlage vor, die von Vorreden zu Musikdrucken und musiktheoretischen Schriften über Musiklobdichtungen und Universallexika bis hin zu Vitensammlungen und Gedenkdrucken reicht. Er unterschied zwischen nicht primär personenfokussierten und genuin biographischen Textsorten und illustrierte „biographische Kleinformen“ u. a. an Sebastian Hornmolds Elegiensammlung von 1605, an Valentin Neanders Elegia de praecipuis artificibus et laude musices von 1583 sowie an Samuel Quickelbergs bekannter Lasso-Biographie. Meyer arbeitete wiederkehrende Themen heraus – soziale Stellung, Herkunft und Wirkungsorte, moralische Qualitäten, kompositorisches Schaffen und musikalische Wirkmächtigkeit – und deutete musikalische Biographik als Ausdruck humanistischer Denkkultur mit mehrfacher Funktion: Memoria, Nobilitierung des Musikerstandes auch durch Hinweis auf exemplarische Lebensführung, konfessionelle und kulturraumbezogene Identitätsbildung sowie Selbstdarstellung des Biographen. In der Diskussion wurden die Reichweite dieser Schriften und ihre Verortung in kleinen, gelehrten Milieus thematisiert.

Anschließend untersuchte der verlesene Vortrag Kai Marius Schabrams (Münster) „Das komponierende Ich. Überlegungen zu Selbstbeschreibungen von Komponisten im 16. Jahrhundert“ Formen der Selbstverortung in Lobschriften und Vorreden. Am Beispiel der bereits erwähnten Elegia Neanders wurde deutlich, wie ein genealogisches Fortschrittsnarrativ von Josquin über Clemens non Papa zu Lasso entworfen und mit der Vorstellung eines „Geistes himmlischer Einsicht“ verbunden wurde, der nur wenigen Komponisten zugeschrieben worden sei. Schabram interpretierte die Elegia als Quelle, in der sich Musikhistoriographie und (Auto-)Biographik überlagern. Dabei kommen ein protestantisch‑humanistisches Selbstverständnis im städtischen Milieu und der Wille zum Ausdruck, sich selbst als Autor in eine Traditionslinie einzuschreiben.

Der Nachmittagsblock des ersten Konferenztags weitete den Blick in die renaissancebezogene Biographiegeschichte seit dem 18. Jahrhundert. Ina Knoth (Marburg) sprach in ihrem Referat mit dem Titel „Zwischen Biographieunwürdigkeit und Biographieunmöglichkeit: Anfänge der Renaissancemusik(er)reflexion im England des 18. Jahrhunderts“ über frühe englische Musikerbiographik von Thomas Whythorne und Thomas Morley bis zu John Hawkins und Charles Burney. An Beispielen wie William Byrd und John Marbeck wurde deutlich, wie divergierende konfessionelle und nationale Perspektiven biographische Profile prägten und bestimmte Komponisten wahlweise als kirchenmusikalisch oder als national bedeutsame Figuren hervorgehoben wurden.

Fabian Kolb (Frankfurt a. M.) widmete sich in „École Flamande – École Française – École Franco‑Belge: Musik und Musiker der Renaissance im französischsprachigen biographischen Schrifttum des 19. Jahrhunderts“ der nationalpolitischen Dimension frankoflämischer Komponistenbiographik. Ausgangspunkt waren die historiographischen Entwürfe von Alexandre Choron und François‑Joseph Fétis, in denen die frankoflämische Musik als „Wurzel“ der europäischen Musikkultur behauptet wird und eine école française bzw. später eine école flamande und franco‑belge konstruiert wird. Kolb zeigte, dass Komponisten wie Josquin und Dufay national vereinnahmt und Quellen selektiv genutzt wurden, um patriotische Genealogien zu stützen, die eng mit den politikgeschichtlichen Prozessen des 19. Jahrhunderts verknüpft sind. In der sich anschließenden besonders lebhaften Diskussion wurden Parallelen zu deutschsprachigen Darstellungen und zur Suche nach „nationalen Charakteren“ in der Musik betont, die auch durch zeitgeschichtliche Ereignisse wie den Befreiungskriegen im 19. Jahrhundert beeinflusst wurden.

Benjamin Ory (Leuven) untersuchte in „The Life and Afterlife of Early Twentieth‑Century German Biographies“ deutschsprachige Biographien über Renaissance‑Komponisten im frühen 20. Jahrhundert, die seiner Darstellung zufolge auffallend häufig im Rahmen von Dissertationen entstanden. Ory zeigte, dass die Wahl eher peripherer Komponistenfiguren mit disziplinären und institutionellen Rahmenbedingungen zusammenhing und dass Biographik hier vielfach als Vehikel diente, um andere, meist national relevante Themen zu verhandeln. Zugleich konnte er zeigen, dass die Vergabe von Dissertationsthemen im Spannungsfeld zwischen Musikgeschichtsschreibung und Hochschulpolitik stattfand.

Einen Beitrag aus der Gender‑Perspektive bot Catherine Deutschs (Metz) Vortrag „Music: A Biographical Source for Women’s History? Insights from Maddalena Casulana“. Sie präsentierte neue biographische Details zur Komponistin Casulana, die sie durch weiträumige Archivrecherchen und die Rekonstruktion von Netzwerken anhand von Widmungen, Briefen, und musikalischen Entlehnungen gewonnen hat. Beim anschließenden fokussierten Blick auf Casulanas Werk zeigte die Analyse von Anspielungen, Zitaten und kompositorischen Referenzen, dass Musik als biographiegeschichtlich relevantes Medium fungieren kann und immer auch als solches in Erwägung gezogen werden muss.

Den Tag beschloss ein Konzert im Alten Rat‑ und Schulhaus Trossingen unter dem Titel „O dolcezze amarissime – Madrigale von Maddalena Casulana und Luzzasco Luzzaschi“, gestaltet von Studierenden der Gesangsklassen Alte Musik der HfM Trossingen unter der Leitung von Alfred Gross (Cembalo).

Kompositorische Selbstreferenz: Werke als Spiegel des Lebens?: Der Samstagvormittag stand unter dem Motto „Kompositorische Selbstreferenz: Werke als Spiegel des Lebens?“, wobei ein Vortrag zu Selbstreferenzialität bei Tomás Luis de Victoria entfiel. Cordula Kropik (Bayreuth) fragte in „Das Leben der Anderen. Zur Relation von Ich-Aussage und Komponistennamen in Liedern des frühen 16. Jahrhunderts“ aus literaturwissenschaftlicher Perspektive nach der Relevanz des Autors für eine adäquate autobiographische Interpretation des Textes im Gesellschaftslied des frühen 16. Jahrhunderts. Aus mediävistischer Sicht problematisierte sie die Gleichsetzung des lyrischen „Ich“ mit der Autorperson und beschrieb das Lied als gebrauchsförmige, gemeinschaftliche Kommunikationsform, in der sich „persönliche“ und „unpersönliche“ Elemente überlagern. Das im Text sprechende „Ich“ kann für Auftraggeber:innen oder anonyme Benutzer:innen stehen, während Autorschaftsnennungen in Stimmbüchern, so sie überhaupt vorhanden sind, soziale und höfische Zugehörigkeiten markieren. In der Diskussion wurde deutlich, dass Fragen von Autorschaft und Ich‑Referenz in der Musik nur bedingt mit literaturwissenschaftlichen Modellen zu fassen sind, diese Perspektive jedoch in jedem Fall gewinnbringend für weitere Auseinandersetzung sein kann.

Wolfgang Fuhrmann (Leipzig) fokussierte in seinem Beitrag über „Selbstreferenz und (Pseudo‑)Autobiographie in der Musik des Spätmittelalters“ den Blick insbesondere auf Guillaume de Machaut und Antoine Busnoys. Er diskutierte, inwieweit Akrosticha, Namenseinschreibungen und explizit selbstreferentielle Texte autobiographisch ernst zu nehmen oder eher als literarisch codierte Formen der Selbstinszenierung zu lesen sind. Während Fuhrmann von glaubhaften Selbstreferenzen ausgeht, betonten Diskussionsbeiträge die Notwendigkeit, Machtkonstellationen, Gender‑Aspekte und die Möglichkeit spielerischer oder ironischer Verwendung mitzubedenken.

Den Abschluss bildete der ebenfalls verlesene Vortrag Melanie Wald‑Fuhrmanns (Frankfurt a. M.) mit dem Titel „Guillaume Du Fay: Wie man (s)eine Biographie komponiert“. Wald‑Fuhrmann systematisierte Formen der Signierung – von Namensnennungen in Texten über paratextuelle Kommentare bis hin zu autographer Überlieferung mit autobiographischen Bemerkungen – und zeigte am Œuvre Dufays, wie solche Strategien der Verantwortungsübernahme für das eigene Werk und der biographischen Selbstmodellierung funktionieren. Unter dem Stichwort Self‑Fashioning plädierte sie für eine systematische Durchdringung (auto-)biographischer Hinweise in unterschiedlichen Gattungen und Kontexten. In der abschließenden Diskussion wurde unter anderem gefragt, inwieweit autobiographische Zeichen in der Musik nicht nur als Ausdruck individueller Selbstbehauptung, sondern auch von Frömmigkeitspraktiken oder im Sinne von Impulsen zur Reflexion über Fiktionalität und Faktualität zu interpretieren sind.

Die Trossinger troja‑Tagung hat in thematischer und methodischer Breite gezeigt, wie eng musikalische Biographik mit Historiographie, nationalen und konfessionellen Diskursen, Gender‑Fragen und weiteren kulturhistorischen Aspekten wie der Frömmigkeitskultur verflochten ist. Die Beiträge verbanden quellenkritische Perspektiven mit theoretischer Reflexion und machten deutlich, dass das Verhältnis von Leben und Werk in der Musik der Renaissance auf verschiedenen Ebenen der wissenschaftlichen Auseinandersetzung von Interesse ist und einen wesentlichen Zugang zum Musikleben des 16. Jahrhunderts eröffnet. Die Publikation der Tagungsbeiträge ist in Vorbereitung.

Tagungsbericht

Das Werk im Leben – das Leben im Werk. Biographische Blicke auf Musik und Musiker der Renaissance – 25 Jahre „troja“

veranstaltet durch:
Nicole Schwindt und Michael Meyer

Staatliche Hochschule für Musik Trossingen

16.04.2026

bis 18.04.2026