Giovanni Pierluigi da Palestrina. Zwischen Kirche, Kontrapunkt und Kommerz

von Emily Martin (Regensburg)

Am 6. Juni 2025 fand in Zusammenarbeit mit dem Festival Tage Alter Musik in Regensburg eine internationale Tagung zu Giovanni Pierluigi da Palestrina statt. Die von Katelijne Schiltz (Universität Regensburg, Institut für Musikwissenschaft) und Antonio Chemotti (KU Leuven) organisierte Tagung verfolgte das Ziel, einen neuen Blick auf den von seinen Lebzeiten an ununterbrochen rezipierten (Kirchenmusik-)Komponisten zu werfen, der sich nicht nur selbst gut zu vermarkten wusste, sondern an dem bis heute großes kommerzielles Interesse besteht. Wissenschaftler:innen aus verschiedenen europäischen Ländern beleuchteten im Rahmen der Tagung unterschiedliche Bereiche des Lebens, Schaffens und der Rezeption Palestrinas, wobei sie auch auf bislang weniger bekannte Aspekte aufmerksam machen wollten. Die Tagung wurde von einem Gespräch mit Nigel Short, dem Leiter des Tenebrae Choir, der bei den diesjährigen Tagen Alter Musik mit einem Konzert auf dem Programm stand, in dem mehrere Palestrina-Werke zu hören waren, abgerundet.

Bereits zum vierten Mal kam es mit der im Rahmen der Tage Alter Musik durchgeführten Tagung zu einer Begegnung zwischen Wissenschaft und Praxis, die dem gegenseitigen Austausch dienen und zur Diskussion von Themen aus dem Bereich der Alten Musik anregen soll. Ludwig Hartmann, der das inzwischen international bekannte Festival, das in diesem Jahr 40-jähriges Bestehen feiert, 1984 gründete, begrüßte das zahlreich erschienene Publikum zu Beginn der Tagung. In ihrem einleitenden Vortrag gab Katelijne Schiltz einen Überblick über die vergangenen und aktuellen Themen der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Palestrina. Mit einem Verweis auf zeitgenössische Kontrafakte, Instrumentalbearbeitungen und Arrangements, die Zeugnis über den flexiblen Umgang mit Palestrinas Œevre bereits zu dessen Lebzeiten ablegen, regte sie Ensembles und Wissenschaftler:innen zur Reflexion der heutigen Aufführungspraxis an. Aus dem von Schiltz aufgezeigten, breiten Spektrum der Möglichkeiten der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Palestrina wurden daraufhin in vier Vorträgen jeweils unterschiedliche Aspekte herausgegriffen und vertieft.

Daniele V. Filippi (Università di Torino) legte in seinem Vortrag „Palestrina, the Great Unknown“ zunächst dar, wie es zu dem heute verbreiteten Bild Palestrinas kam, bevor er weniger bekannte Aspekte aus dem Leben und Schaffen des Komponisten näher beleuchtete. Filippi schilderte, wie Palestrina durch seine Anstellung bei römischen Institutionen und die Fähigkeit, sich selbst gut zu vermarkten, zur Errichtung seines eigenen Mythos beitrug. Bereits zu Lebzeiten wurde ihm Anerkennung zuteil, bevor seine Musik posthum zum Kontrapunktideal und er zum „Retter der Kirchenmusik“ erhoben wurden. Sein regelkonformer Kompositionsstil galt nachfolgenden Generationen lange Zeit als Vorbild und trug zur Popularität seiner geistlichen Werke bei. Doch die Wahrnehmung Palestrinas als dezidierter Kirchenmusikkomponist führte dazu, dass viele seiner Werke, die außerhalb des liturgischen Kontexts stehen, bis heute in Forschung und Praxis wenig Berücksichtigung finden. Filippi machte darauf aufmerksam, dass Palestrina sowohl politische als auch erotische Texte vertonte und veranschaulichte dies anhand des Madrigals Da fuoco così bel nach einem Text von Virginia Martini Salvi sowie Palestrinas Vertonung des gesamten Hoheliedzyklus’. Ein weiteres Werk, das eine bislang unbekannte Seite Palestrinas zeigt, stellte Filippi mit einem 1620 in Salzburg entstandenen Schuldrama vor, in dem der Komponist als Reinkarnation von Orpheus inszeniert wird. Das Werk stellt ein Zeugnis für die frühe und im Vergleich mit dem 19. Jahrhundert noch wenig erforschte Palestrina-Rezeption dar.

Antonio Chemotti konnte mithilfe zeitgenössischer Quellen Details zum Tod und zur Begräbnisfeier Palestrinas in Erfahrung bringen. Anhand eines knappen, aber aufschlussreichen Eintrags in den Tagebüchern der sogenannten „Puntatori“ der Sixtinischen Kapelle vom 2. Februar 1594, der über den Tod Palestrinas informiert und die am selben Abend ohne öffentliche Aufbahrung durchgeführte Beisetzung in der Petersbasilika beschreibt, präsentierte Chemotti interessante Einblicke in die Geschehnisse unmittelbar nach Palestrinas Tod. Dass Palestrina in der Notiz als „unser Mitbruder“ bezeichnet wird, nahm Chemotti als einen Hinweis darauf, dass der Verstorbene bis kurz vor seinem Tod ehrenamtlich in der Sixtinischen Kapelle aktiv war. Die Erwähnung der Anwesenheit eines großen Teils der städtischen Bürgerschaft sowie aller Musiker Roms deutete er als Zeichen für Palestrinas herausragenden Status in der Musikwelt. Einem Bericht von Francesco Maria Torriggio entnahm Chemotti, dass bei Palestrinas Beerdigung das von diesem selbst komponierte fünfstimmige Libera me, Domine gesungen wurde – und nicht die gleichnamige, mehrstimmige Motette von Costanzo Festa, die üblicherweise bei der Grablegung verstorbener Sänger der Sixtinischen Kapelle von den hinterbliebenen Kollegen dargeboten wurde. Die Aufführung des von Palestrina komponierten Libera me, Domine bei dessen eigener Begräbnisfeier geht über die rituelle Funktion einer Begräbnisfunktion hinaus und kann, wie Chemotti abschließend hervorhob, gleichsam als Würdigung des Komponisten bei einer ansonsten weitgehend gewöhnlich verlaufenden Totenfeier verstanden werden. Da Palestrinas Autorschaft in späterer Zeit angezweifelt und das Werk fälschlicherweise als nicht authentisch angesehen wurde, gibt es bis heute keine Aufnahme von Palestrinas Libera me, Domine – eine von Riccardo Pintus herausgegebene Edition erschien 2024.

Raymond Dittrich, Leiter der Proskeschen Musikabteilung der Bischöflichen Zentralbibliothek Regensburg, sprach über die Palestrina-Rezeption in Regensburg im 19. Jahrhundert. Bevor er näher auf die Reformbestrebungen in der zweiten Jahrhunderthälfte einging, schilderte Dittrich die Musikpraxis des Regensburger Doms in den ersten Jahrzehnten nach 1800, um den von Carl Proske und Bischof Michael Sailer ausgehenden Wunsch, den a cappella-Gesang im Dom wiedereinzuführen, begreiflich zu machen. Dittrich beschrieb, wie Proske durch den Ankauf von Beständen und die Anfertigung von Abschriften in italienischen Archiven ein umfangreiches Repertoire vokalpolyphoner Werke – unter anderem mit Musik Palestrinas – zusammenstellte. Mit mehreren Editionsprojekten, allen voran der später von Joseph Schrems und Franz Xaver Haberl fortgesetzten Musica Divina, legte er den Grundstein für die (Wieder-)Aufführung dieser Werke. Dittrich erklärte, dass Proske bei seinen Editionen auf die Ergänzung von Aufführungshinweisen verzichtete, während Haberl – der zwischen wissenschaftlichen und praktischen Editionen unterschied – bei zweiteren editorische Einrichtungen in Form von Tempo- und Dynamikangaben vornahm. Manche der von Dittrich genannten Quellen konnten in Führungen durch die für die Tage Alter Musik in der Bischöflichen Zentralbibliothek eingerichteten Ausstellung unter dem Motto „Palestrina in Regensburg – Handschriften und Drucke aus der Proske Sammlung“ im Original betrachtet werden. Die ausgestellten Materialien wurden im Nachgang für eine virtuelle Ausstellung aufbereitet, die unter folgendem Link eingesehen werden kann:

https://www.uni-regensburg.de/philosophie-kunst-geschichte-gesellschaft/musikwissenschaft/forschung/palestrina-ausstellung-2025/index.html

Bartłomiej Gembicki von der Polnischen Akademie der Wissenschaften Warschau warf in seinem Vortrag „Palestrina on Record, or the Art of Selling Counterpoint“ einen kritischen Blick auf die Gestaltung von Aufnahmen mit Werken Palestrinas. Anhand zahlreicher Beispiele veranschaulichte Gembicki die Vielfalt der Möglichkeiten der visuellen und inhaltlichen Gestaltung von LP- und CD-Aufnahmen und gab einen Überblick über die dahinterliegenden Vermarktungsstrategien. Bei seinen Überlegungen berücksichtigte er auch die Wirkungsmacht der künstlerischen Gestaltung des Covers, die nicht nur gewisse Erwartungen weckt, die von den Aufnahmen entweder erfüllt oder enttäuscht werden können, sondern mit der auch gezielt die Wahrnehmung der Hörenden beeinflusst wird. Mit zwei Beispielen aus dem 21. Jahrhundert, die Aufnahmen von Palestrinas Werken mit Bildern von Zerstörung und humanitären Katastrophen kombinieren, regte Gembicki abschließend dazu an, sich der Macht, des Einflusses und der ethischen Verantwortung der Aufnahmeindustrie und des Marktes bewusst zu werden.

Abschließend traten Katelijne Schiltz, Antonio Chemotti und das Publikum über ein Interview mit Nigel Short in einen Dialog mit der Aufführungspraxis. Das Gespräch drehte sich um das Repertoire, die Herangehensweise und das Klangideal des 2001 von Nigel Short gegründeten Tenebrae Choir. Die beiden im Motto des Chores verbundenen Begriffe – „Passion and Precision“ – stehen für Short stellvertretend für die von ihm angestrebte Verbindung von intensivem Fokus bei gleichzeitig leidenschaftlichem Vortrag der Musik. Da Short mit seinen Aufführungen die ganze Breite von Emotionen abdecken möchte, verzichtet er darauf, seinen Konzerten ein inhaltliches Programm zugrunde zu legen. Auf dem Programm des Konzerts des Tenebrae Choir bei den Tagen Alter Musik standen unter anderem Palestrinas Missa Viri Galilaei und die der Messkomposition zugrunde liegende gleichnamige Motette, die durch ihre semantische Verbindung zu einem von Wiedererkennen, hin und wieder aber auch von Überraschung durchzogenen Probenprozess geführt hatten. Der Chorleiter ist sich dessen bewusst, dass heutigen Hörer:innen ein unvoreingenommener Zugang zur Musik Palestrinas durch die unbegrenzte Verfügbarkeit und die Herausbildung von Stereotypen weitgehend verwehrt ist. Sich jeder Musik mit einem anderen Ansatz zu näheren, ist ihm daher besonders wichtig, um weiterhin den von ihm verfolgten Anspruch einer Verbindung von Leidenschaft und Präzision garantieren zu können und Renaissancemusik für die künftige Aufführungspraxis lebendig zu halten.

Die gut besuchte Tagung zeugte von einem großen Interesse an den Erkenntnissen der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Musik vergangener Jahrhunderte und bestätigte die Relevanz musikwissenschaftlicher Forschung für die Aufführungspraxis. Gleichzeitig stellte sie eine Möglichkeit dar, um Palestrina von einer neuen Seite kennenzulernen und auf Forschungsdesiderate – seine Biografie, sein Schaffen und seine Rezeption betreffend – aufmerksam zu machen.

26.06.2025

Tagungsbericht

Giovanni Pierluigi da Palestrina. Zwischen Kirche, Kontrapunkt und Kommerz

veranstaltet durch:
Katelijne Schiltz (Universität Regensburg, Institut für Musikwissenschaft) und Antonio Chemotti (KU Leuven) in Kooperation mit den Tagen Alter Musik Regensburg

Regensburg, Bonhoeffersaal im Evangelischen Bildungswerk