von Angelina Sowa (Regensburg)
Bereits zum fünften Mal in Folge kam es bei den diesjährigen Tagen Alter Musik in Regensburg zu einer fruchtbaren Begegnung von Wissenschaft und musikalischer Praxis. Im Mittelpunkt des am 22. Mai 2026 veranstalteten internationalen Symposiums „Hans Memlings Engelskonzert: Restaurierung, Instrumentarium, Repertoire“ stand das monumentale Retabel Gott Vater umgeben von muszierenden Engeln des Malers Hans Memling. Ausgehend von der 2017 abgeschlossenen Restaurierung des Gemäldes sowie einem vom Ensemble Oltremontano initiierten Projekt zur Rekonstruktion der dargestellten Instrumente, widmete sich die von Katelijne Schiltz (Universität Regensburg) organisierte Veranstaltung der Frage, wie sich Memlings Darstellung eines himmlischen Konzerts aus kunsthistorischer, musikwissenschaftlicher und aufführungspraktischer Perspektive erschließen lässt. Ziel des Symposiums war es, Aspekte der Restaurierung, der Ikonographie, des Instrumentariums und des möglichen musikalischen Repertoires zu thematisieren und dadurch neue Zugänge zu einem faszinierenden Bildzeugnis des späten 15. Jahrhunderts zu eröffnen.
Nach einer Begrüßung durch Ludwig Hartmann, der die Tage Alter Musik 1984 gründete, bildete der Impulsvortrag „Engelsmusik – oder: wie, was und warum musizieren Engel?“ von Katelijne Schiltz den Auftakt der Tagung. Ausgehend von theologischen, liturgischen und ikonographischen Traditionen zeichnete sie die vielfältigen Funktionen von Engeln als Lobpreisende Gottes, Vermittler zwischen Himmel und Erde und Überbringer göttlicher Botschaften nach und legte ihr Augenmerk unter anderem auf die Frage, wie das eigentlich Unhörbare der Engelsmusik in Bild und Musik erfahrbar gemacht werden kann. Anknüpfend an diese Überlegungen wurden in fünf Vorträgen jeweils unterschiedliche Aspekte zu Memlings Triptychon herausgegriffen und vertieft.
Einen Einblick etwa in die Geschichte und Restaurierung des Antwerpener Retabels bot Elsje Janssen, ehemalige Sammlungsleiterin des Koninklijk Museum voor Schone Kunsten Antwerpen, in dessen Besitz das Gemälde ist. In ihrem Eröffnungsvortrag „The Metamorphosis of a Memling Masterpiece: the Painstaking Restoration of God the Father with Singing and Music-Making Angels“ schilderte sie die komplexen konservatorischen Maßnahmen, die zur Sicherung und Wiederherstellung des Gemäldes erforderlich waren. Hierbei erläuterte Janssen die wissenschaftlichen Untersuchungen zu den verwendeten Materialien und Unterzeichnungen ebenso wie die aufwendige Reinigung und Stabilisierung der Malschichten. Darüber hinaus machte sie die zentrale Rolle interdisziplinärer Zusammenarbeit bei der Restaurierung des Kunstwerks deutlich und zeigte auf, wie die Präsentation des Retabels im Museum gestaltet wurde.
Der Frage nach den auf dem Retabel dargestellten Instrumenten widmeten sich Wim Becu, Katerina Ghannudi und Vojtěch Jakl vom Ensemble Oltremontano. Unter dem Titel „The Instruments on Memling’s Triptych: From Reconstruction to Sound“ berichteten sie von dem langjährigen Projekt, die im Gemälde dargestellten Instrumente möglichst originalgetreu zu rekonstruieren und erläuterten die Herausforderungen eines solchen Vorhabens. Besonders eindrucksvoll war die Demonstration einzelner Instrumente, die nicht nur deren Klanglichkeit erfahrbar machte, sondern auch Fragen der historischen Aufführungspraxis veranschaulichte.
Anschließend richtete Barbora Kabátková vom Ensemble Tiburtina den Blick auf ein mögliches musikalisches vokales Repertoire, das mit Memlings Engelskonzert in Verbindung gebracht werden könnte. In ihrem Vortrag „Paradisi Porte – From Panel to Performance. Tracing Repertory and Practice through Memling’s Altarpiece“ stellte sie die dramaturgische Konzeption eines Konzertprogramms vor, das sich vom Bildprogramm des Retabels inspirieren lässt, und entwickelte ausgehend von spätmittelalterlichen Choralhandschriften aus Brügge eine musikalische Reise, die Themen wie Auferstehung, Himmelfahrt und den Weg ins Paradies miteinander verbindet. So zeigte Kabátková, wie sich historische Quellen nutzen lassen, um die im Bild dargestellte himmlische Musik in heutige Aufführungskontexte zu übertragen und zugleich neue Perspektiven auf das Werk zu eröffnen.
Mit Fragen nach der visuellen Einbindung der Betrachtenden beschäftigte sich sodann der Beitrag von Jochen Hermann Vennebusch (Universität Greifswald). Anhand mehrerer Retabel Memlings untersuchte Vennebusch Strategien visueller Unmittelbarkeit, mit denen die Betrachterinnen und Betrachter in das dargestellte Heilsgeschehen einbezogen werden. Er zeigte auf, wie Memling durch die Gestaltung des Bildraums die Grenzen zwischen dargestellter und realer Welt durchlässig macht und damit Formen der Präsenz und Teilhabe erzeugt. Für das Engelskonzert bedeutet dies etwa, dass der Himmel gleichsam in den Kirchenraum hineintritt und die Betrachtenden zu Zeugen des dargestellten Geschehens werden. Musik komme dabei die besondere Funktion zu, die Gegenwart des Göttlichen sinnlich erfahrbar zu machen.
Den Abschluss des Symposiums bildete schließlich Wolfgang Fuhrmanns (Universität Leipzig) Vortrag „Eng(e)lische Klänge in der Musik des 15. Jahrhunderts“, der die Bedeutung englischer Musik für die kontinentaleuropäische Musikkultur des 15. Jahrhunderts nachzeichnete. So zeigte Fuhrmann, wie die außerordentliche Wertschätzung englischer Kompositionsweisen nicht selten mit zeitgenössischen Vorstellungen von Engelsmusik verknüpft wurde. Anhand ausgewählter Beispiele verdeutlichte er zudem, dass Komponisten dieser Zeit danach strebten, durch bestimmte Satztechniken eine Vorstellung himmlischer Harmonie zu vermitteln. Damit führte sein Vortrag zentrale Themen des Symposiums zusammen und stellte nochmals die Verbindung zwischen theologischen Vorstellungen, musikalischer Praxis und künstlerischer Darstellung heraus.
Das gut besuchte Symposium machte deutlich, wie eng Kunst, Theologie und musikalische Praxis im Werk Memlings miteinander verwoben sind. Dank der Vielfalt der Perspektiven gelang den Referierenden ein ganzheitlicher Blick auf das Antwerpener Retabel, der durch das ausverkaufte Konzert am nächsten Abend seine klangliche Ergänzung fand.
