von Bernhard Rainer (Graz)
Während die Hofmusik in Wien und Innsbruck sowie ihr soziokultureller Kontext bereits gut erforscht sind und sowohl im fachspezifischen als auch im interdisziplinären Diskurs regelmäßig thematisiert werden, fehlt eine dem aktuellen Stand der Wissenschaft entsprechende Aufarbeitung der Quellenlage zur Musik am Grazer Hof von 1564 bis 1619 nahezu vollständig. Insbesondere im Bereich der musikalischen Praxis und der historischen Aufführungsräume dieser Zeit bestehen wesentliche Forschungsdesiderate.
Vor diesem Hintergrund veranstaltete die Universität für Musik und darstellende Kunst Graz (KUG) vom 11. bis 13. Mai 2026 im Rahmen des vom FWF geförderten Forschungsprojekts „Performance Practice at the Graz Court around 1600” (http://grazer-hofkapelle.at, https://www.fwf.ac.at/forschungsradar/10.55776/ESP281) ein interdisziplinäres Symposium.
Zu Beginn des Symposiums standen Vorträge der Projektmitarbeiter:innen auf dem Programm. Juliane Oberegger (Graz) führte in die architektonische und (religions-)politische Lage der Stadt Graz und des Reichs zu jener Zeit ein. Danach sprach Bernhard Rainer (Graz) über das Reenactment der Missa A 24 von Annibale Padovano (1527–1575). Elisabeth Frauscher (Graz) stellte eine audiovisuelle Virtualisierung des Grazer Doms um 1600 vor, und Susanne Sackl-Sharif (Graz) berichtete über ihre musiksoziologische Begleitforschung des Projekts.
Am ersten Abend des Symposiums wurden im Rahmen einer von Dompfarrer Ewald Pristavec gefeierten Messe im Grazer Dom Teile der 24-stimmigen Messe des Grazer Hofkapellmeisters Annibale Padovano sowie Instrumentalmusik von Komponisten des Grazer Hofs aufgeführt. Es wirkten Studierende der KUG und der Schola Cantorum Basiliensis sowie Gäste mit. Die Messe fand als wissenschaftliches Reenactment einer historischen Aufführung statt. Dabei wurden die Musizier- und Ensembleleitungstechniken der Zeit am originalen Aufführungsort unter Einbeziehung der heute noch vorhandenen Musikemporen im Presbyterium des Doms sowie eines Gerüsts, das den heute nicht mehr erhaltenen Lettner rekonstruierte, angewendet. Die anwesenden Mitfeiernden konnten somit monumentale, mehrchörige Kompositionen vom Grazer Hof am Originalschauplatz unter historischen Gesichtspunkten erleben.
Zu Beginn des zweiten Tages führte Klaus Aringer (Graz) in der Aula der Kunstuniversität in die Institution der Grazer Hofmusik ein. Anschließend wurden alle Teilnehmenden in den Dom gebeten, wo Peter Grabner und Heimo Kaindl (beide Graz) in einem Vortrag und einer Führung bau- und kunsthistorische Einblicke in das damals als Hofkirche fungierende Bauwerk boten.
Nach der Mittagspause sprach Moritz Kelber (München) über die Augsburger Musikdrucke von 1559/1579 des Grazer Hofkapellmeisters Johannes de Cleve, Walter Kurt Kreyszig (Victoria, British Columbia) setzte die Kirchenmusik von Georg Poss aus dem Jahr 1607 in Beziehung zum „Syntagma musicum” von Michael Praetorius aus dem Jahr 1619 und Franz Karl Praßl (Graz) referierte über die liturgische Ordnung in der ehemaligen Hof-, Pfarr- und Jesuitenkirche vor und nach 1600.
Den Abschluss des zweiten Symposiumstages bildeten die Beiträge von Klemen Grabnar (Ljubljana) über die Chorbücher Bischof Hrens, von Urban Klančar (Graz/Ljubljana) über geistliche Musik an der Kathedrale von Ljubljana um 1620 sowie von Klaus Hubmann (Graz) über die Musik im Umfeld der Kaiserkrönung von 1612.
Den dritten Tag des Symposiums eröffnete Christian Neuhuber (Graz) mit einem Vortrag über Theater, Tanz und Musik bei den Verlobungsfeierlichkeiten von Erzherzogin Maria Magdalena im Jahr 1608. Franz Körndle (Augsburg) sprach über die Musik im Jesuitentheater des 16. Jahrhunderts und Juliane Oberegger (Graz) über die weltliche Musik am Hof von 1564 bis 1619. Es folgten Beiträge von Jan Baťa (Prag) über Posaunisten an der Prager Burg im 16. und frühen 17. Jahrhundert sowie von Markus Grassl (Wien) mit dem Titel „Franko-flämisch vs. Italienisch. Zu einem Narrativ in der Historiographie der habsburgischen Hofkapellen um 1600”. Den Abschluss der Veranstaltung bildete der Vortrag von Sonja Tröster (Wien) über „Expats“ in den habsburgischen Hofkapellen des 16. Jahrhunderts.
Zeitgleich zum Symposium fand eine musiksoziologische Befragung zu einer Virtual-Reality-Aufführung von Musik des ehemaligen Grazer Hoforganisten Alessandro Tadei (ca. 1585–1667) im Dom statt, die im Rahmen des FWF-Projekts im Jahr 2025 entstanden ist. Diese virtuelle Aufführung ermöglicht mittels einer Computersimulation eine Annäherung an die historische Akustik und den Bauzustand des Doms um 1600 und kann mit VR-Brillen erlebt werden.
Das Symposium strebte an, die nicht nur für die Kulturgeschichte der Steiermark zentrale, sondern auch die allgemeine Musikgeschichte in Österreich prägende Materie auf einen zeitgemäßen Stand der Forschung zu bringen und ihre regionale sowie europäische Bedeutung neu zu bewerten. Die Ergebnisse des Symposiums sollen in einem Tagungsband veröffentlicht werden.
