„Musik und Repräsentation“ – Studentischer Workshop am Institut für Historische Musikwissenschaft der Universität Hamburg

von Lennart Jakobs (Hamburg)

Von Stadtpfeifern und Militärorchestern bis hin zu Kirchenmusik, höfischen Festen und Oper ist die repräsentative Rolle der Musik bereits in Gesellschaften der Frühen Neuzeit hochkomplex. Doch was repräsentiert dabei wen, oder wer repräsentiert was? In seiner subjektiveren Dimension ist der Begriff der Repräsentation in der Gegenwartskunst und in Subkulturen hochaktuell, denn dort werden Fragen der Identität sowie der Selbst- und Fremddarstellung künstlerisch und sozial verhandelt. Die Möglichkeit, sich mit dem weiten Spektrum an Perspektiven auseinanderzusetzen, bot sich dieses Wintersemester den Master-Studierenden der Universität Hamburg im Forschungsseminar „Musik und Repräsentation“ von Ivana Rentsch. Die Studierenden entwickelten im Verlauf des Semesters eigene Fragestellungen und diskutierten diese während der Ausarbeitung laufend. Ihre Ergebnisse präsentierten die Studierenden am 28. Januar 2026 in den Räumen des Instituts für Historische Musikwissenschaft der Universität Hamburg. Die ganztägige Veranstaltung wurde in je zwei Blöcke am Vormittag und Nachmittag gegliedert, deren Moderation die Studierenden übernahmen.

Die Eröffnungsrede hielt die Initiatorin des Seminars Prof. Dr. Ivana Rentsch, in der sie zunächst die akribische Arbeit der Studierenden lobte und hervorhob, wie das angewandte kritische Denken, die Kreativität der Fragestellungen und die produktive Auseinandersetzung untereinander den entscheidenden Unterschied zu gedankenlosen und halluzinierenden KI-Sprachmodellen ausmache.

Den ersten Block des Vormittags eröffnete Sebastian Stöppler mit seinem Vortrag „Die Musikinstrumente des Freiberger Domes als Repräsentationsmedien der frühen Neuzeit“.
Der Chor des St. Marien Doms ist ein abgetrennter Raum und beinhaltet als Begräbniskapelle repräsentative Elemente. Das vorgestellte Bildprogramm zeigte Engelfiguren, die mit detailreichen Instrumentenrepliken ausgestattet wurden, welche als Anhaltspunkte für das möglicherweise verwendete Instrumentarium im Dom und in der Stadt dienen könnten. Herr Stöppler stellte darüber hinaus eine überzeugende Verbindung zu Motiven der musica coelestis als Mittlerin zwischen Dies- und Jenseits her.

In Luisa Marie Lecks Vortrag „Die Masque als Machtdemonstration am Hof von Elizabeth I.“ erfuhr das Publikum im Anschluss, in welcher Weise der Tanz als repräsentatives Medium am Hofe Elizabeths I. genutzt wurde. Frau Leck demonstrierte, dass die Königin im Tanz der Galliarde, die hohe Beweglichkeit, Körperbeherrschung und Ausdauer erfordert, ihre Vitalität und gesellschaftlichen Qualitäten als Herrscherin repräsentierte. Anhand eines weitereichenden Quellenapparats, bestehend aus historischen Texten, Klangbeispielen, einem Video der Historical Dance Society und der konkreten Vertonung der Schrittfolgen, wurde der Tanz in seiner Technik und Funktion greifbar und die Bedeutung des Tanzes deutlich.

„Sowas hat man in Franken noch nie gesehen!“ Den ersten Block des Vormittags beschloss Sonja Trautner mit ihrem Vortrag „Wilhelmine von Bayreuths Markgräfliches Opernhaus: Ein Ausdruck von (verlorener) Macht?“ Entlang ihrer Biografie berichtete Frau Trautner von einer geborenen Prinzessin von Preußen, die seit ihrem achten Lebensjahr mit dem britischen Thronfolger Friedrich Ludwig von Hannover verlobt war, jedoch schließlich im vergleichsweise provinziellen Bayreuth ein Opernhaus nach italienischem Vorbild etablierte. Anhand der Baugeschichte, bauähnlichen Opernhäusern und der allegorisch aufgeladenen Ikonographie wurden vielschichtige Repräsentationsversuche einer latent unter ihrem Stand verheirateten Herrscherin erkennbar.

Der zweite Block am Vormittag begann mit dem Vortrag „Dasselbe nur auf deutsch? Die Opernkonkurrenz des Herzogs Sachsen-Coburg-Gotha von 1892“ von Evelyn Reisch. Pietro Mascagnis Cavalleria rusticana, welche ihrerseits aus einem Mailänder Preisausschreiben für einen Einakter hervorgegangen war, identifizierte Frau Reisch überzeugend als Vorlage der Opernkonkurrenz des selbst kompositorisch tätigen Herzogs. Ebenso klar wurden die zwiespältigen Motivationen einer Jury, die am Ende zwei Opern gleichberechtigt als Gewinner kürte. Anhand der erhaltenen Jurybewertungen und überlieferten Klavierauszügen konnte Frau Reisch darlegen, wie in den Bewertungen die „Rückkehr zum Idealismus“ gelobt und die Abkehr von „Mord und Totschlag“ als dramatische Mittel gefordert wurde, um die vermeintliche „italienische Invasion der deutschen Bühnen“ zu unterbinden. Erwünscht waren sittliche Heldengeschichten, doch reflektieren die Bewertungen insgesamt eher die Absicht, den Publikumserfolg der Cavalleria rusticana zu kopieren.

Anna Rehbocks Beitrag „Inszenierte Spiele: Der Olympische Musikwettbewerb 1936“ behandelte ebenfalls einen “Wettbewerb“, der in seiner Konzeption und Durchführung wiederum den nationalsozialistischen Kulturchauvinismus illustrierte. Wie Frau Rehbock eindrücklich belegte, diente der manipulierte Wettbewerb lediglich Mechanismen politischer Selbstinszenierung. Eingereichte Werke sollten „das Ideal der Arbeit, der Schönheit oder der Kameradschaft“ symbolisch darstellen. Alle deutschen Teilnehmer erhielten Medaillen, bei Kategorien wie der Kammermusik, bei der keine deutsche Beteiligung vorlag, wurden diese gar nicht erst verliehen. Die olympischen Spiele wurden damit zur Bühne einer aberwitzigen Inszenierung der angeblichen Überlegenheit deutschen Geistes sowie der Gleichsetzung von Kunst und Kampf.

In ihrem Vortrag Vortrag „Fragmentierte Identität – fragmentierter Klang: Ruth Schönthals Fragments from a Woman’s Diary“ richtete Amelie Corinna Dahl den Blick nach innen und thematisierte, wie die Erlebniswelt des Individuums als musikalisches Werk realisiert werden kann. Inwiefern dabei die subjektive Erfahrung äußerer Umstände repräsentativ für eine allgemeinere Erfahrung wie Weiblichkeit in patriarchaler Atmosphäre und Heimatverlust stehe, untersuchte Frau Dahl an Schönthals Stück Shattered Silence aus ihrem Klavierzyklus Fragments From A Woman‘s Diary. Die Absolventin der Kompositionsklasse Paul Hindemiths reflektierte in ihren autobiografischen Werken den aufgezwungenen Exilweg von Europa über Mexiko in die USA musikalisch durch Allusionen und vertonte Ambivalenz. Diese bildete ein Kernmotiv der Musik Schönthals, was sie beispielsweise durch Verwendung von Bitonalität oder eines Trauermarschs für eine Hochzeitsszene umsetzte.

Anschließend präsentierte Fabio Enrique Cuadro ein Beispiel aus der Popularmusikforschung. Anhand der Geschichte des Labels „The Fania Records“ wurde deutlich, welche enorme kulturelle Deutungshoheit einzelnen Akteuren zukommen kann. In New York kreierte das Label in den 1960er und 70er Jahren den Salsa als Produkt für den Musikmarkt und prägte in Folge das Bild von lateinamerikanischer Musik nachhaltig. Hierbei mahnte Cuadro an, nicht die marktwirtschaftlich motivierte Vereinnahmung zu übersehen, und stellte die Rolle des Labels als Repräsentant wirkungsvoll in Frage.

Anschließend trug Maxim Lammert die Ergebnisse seiner Untersuchung „Čajkovskij in der russischen Kulturpolitik des 21. Jahrhunderts: Die Instrumentalisie¬rung eines Komponisten“ vor. Herr Lammert konnte anhand prägnanter Beispiele die kulturellen Narrative und Symbolsysteme beschreiben, mit denen das Regime Putins seine politische Stellung ideologisch zementiert. Hierbei wurde auf ein bereits im 19. Jahrhundert entstandenes Narrativ zurückgegriffen, das den Komponisten einerseits über seine internationale Anerkennung und andererseits als die Personifizierung russischer Musik anpreist. Entlarvend wird dabei dessen Homosexualität verschwiegen, was in Zusammenhang mit den 2013 in Russland in Kraft getretenen Anti-LGTBQ Gesetzen gebracht werden kann. Anhand von Beispielen wie den olympischen Winterspielen 2021 in Japan, bei welchen ein Auszug aus Čajkovskijs erstem Klavierkonzert die Nationalhymne vertrat, sowie aktueller Bildungsrichtlinien dokumentierte Herr Lammert, wie der Komponist für eine Politik der Isolation und der Angst vor Einflüssen sogenannter ausländischer Agenten instrumentalisiert wird.

Eine Untersuchung nach systematisch-soziologischem Ansatz präsentierte Natalie Falkenhagen Bravo in ihrem Vortrag „Zwischen Zugehörigkeit und Abgrenzung: Die serbische elektronische Musikszene als Raum sozialer Repräsentation“, in welchem sie Musik als soziale Praxis behandelte und auf Grundlage von Stuart Halls Modell die repräsentative Rolle von Musik als Spiegel subkulturellen Lebens untersuchte. Frau Falkenhagen Bravo führte dazu Interviews mit Akteuren der serbischen elektronischen Musikszene und beschrieb, wie das kulturelle Handeln und das post-sowjetische Selbstverständnis einer im Fluss befindlichen Musikszene neue Räume der nicht-normativen Begegnung schaffen kann und dadurch einen Gegenentwurf zum von Orthodoxie geprägten Gesellschaftsbild der serbischen Regierung verwirklicht.

Den letzten Block beschloss Mette-Merle Wenge mit ihrem Vortrag „Straightedge vs. Hardcore Punk – Die musikalische Repräsentation eines Lebensge¬fühls“. Hatten wir zuvor noch erfahren, wie sich subkulturelle Identitäten gegen ihren vorgelagerten gesellschaftlichen Rahmen definieren, erfuhren wir in Frau Wenges Beitrag mehr über Identitätsbildung innerhalb einer bereits bestehenden Subkultur. Anhand von Textvergleichen und der Selbstdarstellung in Mode wurde verständlich, wie sich die Straightedge-Szene maßgeblich über den Verzicht definierte und sich so von ihrer hedonistischen und aktiv selbstzerstörerischen subkulturellen Umgebung des Hardcore-Punk distanzierte.

Als Schlussredner konnte Friedrich Geiger (Hochschule für Musik und Theater München) gewonnen werden. In seiner Rede lobte er zunächst die akribische Arbeit der Studierenden, die sich in der Qualität der Präsentationen offenbarte, auf welche er inhaltlich nochmal einging. Geiger beobachtete zwei Ebenen in der Verwendung des Begriffs der Repräsentation; auf der einen geht es um Erzeugung von Renommee, auf der anderen um Stellvertretung. Weiterhin fiele auf, dass die Instrumentalisierung von Komponisten im Vergleich zum NS-Regime heute raffinierter geschehe. Musik sei als stark kontextgebundene Kunst in besonderer Weise geeignet, für repräsentative Zwecke verwendet zu werden. Daher wird es in Zukunft immer wieder fruchtbar sein, den Versuch zu unternehmen, diese Kontexte zu entwirren. Dass hierbei diverse geisteswissenschaftliche Zugänge einen Beitrag leisten können, hat der studentische Workshop in Hamburg eindrücklich unter Beweis gestellt.

Tagungsbericht

„Musik und Repräsentation“ – Studentischer Workshop am Institut für Historische Musikwissenschaft der Universität Hamburg

veranstaltet durch:
Institut für Historische Musikwissenschaft der Universität Hamburg

Universität Hamburg

28.01.2026

bis 28.01.2026