Schallkosmos Hof. Musik, Akustik und Raum in höfischen Architekturen des frühneuzeitlichen Europa

von Jörg Holzmann (Salzburg/ Halle)

Unter dem Titel „Schallkosmos Hof. Musik, Akustik und Raum in höfischen Architekturen des frühneuzeitlichen Europa“ fand vom 20. bis 22. Juni 2025 auf Schloss Heidecksburg in Rudolstadt die internationale und interdisziplinäre Tagung des Rudolstädter Arbeitskreises zur Residenzkultur in Kooperation mit der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten statt. Im Fokus der von Heiko Laß (Ludwig-Maximilians-Universität München), Margret Scharrer (Universität Bern, jetzt Universität Heidelberg) und Tobias C. Weißmann (Johannes Gutenberg-Universität Mainz und Universität Zürich) organisierten Konferenz stand die akustische Dimension frühneuzeitlicher Schlossanlagen in Innen- und Außenräumen – ein bisher wenig erforschtes Feld im Vergleich zu Sakral- und Theaterarchitekturen – zur Disposition.

Den Auftakt der Tagung bildete eine Führung mit Doris Fischer (Direktorin der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, Rudolstadt) mit Blick auf besondere Räume und Akustiken der Rudolstädter Heidecksburg. Ana Cláudia Silveira (Universidade NOVA de Lisboa) hielt den ersten Vortrag der Eröffnungssektion „Schlossarchitekturen und Gärten als Klangräume im langen 16. Jahrhundert“. Sie untersuchte die Rolle höfischer Zeremonien, Feste und Rituale im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert als Instrumente politischer Kommunikation und Machtdemonstration. Silveira hob hervor, dass die Verbindung von Klang, Raum und Bild zentral für die Selbstdarstellung der Herrschenden war. Anhand portugiesischer Beispiele zeigte sie, dass architektonische Elemente wie Balkone, Loggien, Galerien oder Terrassen auch akustisch als Schnittstellen zwischen Innen- und Außenraum fungieren konnten. Dirk Jansen (ehem. Forschungszentrum Gotha, Universität Erfurt) untersuchte die Musik- und Architekturauffassung Kaiser Maximilians II., insbesondere im unvollendeten Lustschloss Neugebäude. Er fokussierte sich auf einen großen Saal und eine Kapelle, in denen „verborgene Musik“ von Galerien hinter der Kuppel erklang – eine akustische Inszenierung, die als Symbol der „Sphärenmusik“ kosmologische und politische Konzepte reflektierte. Die Räume bildeten so ein ikonologisches Schema, das Macht und Selbstverständnis des Kaisers reflektierte. Matthias Müller (Johannes Gutenberg-Universität Mainz) stellte einen Gewölberaum hinter der Dresdner Schlosskapelle vor, der im frühen 17. Jahrhundert als Raum für Trompeter und Heerespauker genutzt wurde. Die apokalyptischen Fresken zum „Untergang der Tyrannen“ und dem „Jüngstem Gericht“ wurden durch die Musik zu einem synästhetischen Gesamtkunstwerk, das sowohl emotionalisierend wirkte als auch die göttliche Legitimation und militärischen Erfolge des Kurfürsten Moritz von Sachsen demonstrierte. Kathrin Miriam Stocker (Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, Weikersheim) beleuchtete den Rittersaal von Schloss Weikersheim (fertiggestellt 1605), einen stützenlosen Festsaal mit Kassettendecke, Prunkkamin und Stucktieren. Vorräume, Schallschlitze und Nebenräume dienten der Inszenierung von Zeremonien, wobei Musik eine zentrale Rolle spielte. Heute vor allem als musikalische Bildungsstätte bekannt, war Weikersheim im 17. Jahrhundert Sitz der unter Kapellmeister Erasmus Widmann eingerichtete Hofkapelle, die politisch aufgeladene Werke für und über das Netzwerk protestantischer Fürsten verbreitete. Arne Spohr (Bowling Green State University) beschloss den ersten Tag der Konferenz und hielt den Abendvortrag. Seine Ausführungen galten vor allem der Inszenierung „verborgener Musik“ in Lusthäusern der Frühen Neuzeit in höfischen Kontexten um 1600. Während die Musiker damals meist sichtbar musizierten, wurden sie in speziellen Räumen in Stuttgart, Dresden, Kopenhagen oder im Rondell des Schlosses Jindřichův Hradec gezielt verborgen, um mystische oder übernatürliche Effekte zu erzeugen. Solche Musikinszenierungen dienten der höfischen Repräsentation, evozierten metaphysische Vorstellungen von himmlischer oder sphärischer Musik und sollten beim Publikum Staunen auslösen.

Margherita Antolini (Politecnico di Torino) eröffnete am Folgetag, dem 21. Juni, die zweite Sektion „Raum und Klang in der Zeit des Barock“. Ihr Beitrag präsentierte eine räumliche Analyse der Festsäle, die Kardinal Pietro Ottoboni im 18. Jahrhundert für ‚seine‘ musikalischen Darbietungen entwarf. Unter Berücksichtigung der Beziehungen zwischen Publikum, Ensemble, Musikgenre und Inszenierung untersuchte sie, wie die Architektur des Palazzo della Cancelleria das Erlebnis der Aufführungen und die Formen der Geselligkeit am Hof prägte. Dabei zeigte Antolini, dass Ottobonis künstlerisches Mäzenatentum nicht nur Musiker und Komponisten wie Arcangelo Corelli und Alessandro Scarlatti, sondern auch die räumliche Gestaltung von Musikaufführungen beeinflusste. Der sich anschließende Vortrag Jan-Friedrich Mißfelders (Universität Basel) galt dem wirkungsvollen Zusammenspielt von Akustik und Macht in den Werken Athanasius Kirchers mit besonderem Blick auf die Musurgia universalis (1650) und die Phonurgia nova (1673). Mißfelder hob hervor, wie Kircher Klangprojektionen gezielt zur politischen Kontrolle und Machtinszenierung nutzte, etwa bei der Gestaltung herrscherlicher Klangräume oder der Schaffung von Abhörszenarien in Gebäuden. Diese akustisch-politischen Konzepte können als frühe Entwürfe einer politischen Schallkosmologie verstanden werden, die die Wahrnehmung von Macht durch Klang und Raum in der europäischen Vormoderne reflektierten. Simon Paulus (Leibniz-Universität Hannover und Universität Stuttgart) behandelte die Schlosskapelle Wolfenbüttel im Kontext der musikalischen Aufführungspraxis des 17. Jahrhunderts. Komponisten wie Michael Praetorius und Daniel Selichius nutzten gezielt Raumklang und Echoeffekte, unterstützt durch die turmartige Struktur und Musikeremporen der Kapelle. Paulus untersuchte, wie Umbauten, architektonische Vorbilder wie die Weimarer Himmelsburg sowie der Austausch mit Theoretikern wie Kircher und Joseph Furttenbach die Aufführungspraxis und akustische Wirkung am Wolfenbütteler Hof beeinflussten. Martina Maaß (TTG Erfurt) beschloss die Sektion und stellte eine virtuelle Rekonstruktion der Weimarer Himmelsburg als touristische Destination vor. Das Projekt ermöglicht es Besuchern, die Weimarer Schlosskapelle, in der Johann Sebastian Bach von 1708 bis 1717 als Hoforganist tätig war, in „virtual reality“ zu erleben. Basierend auf historischen Quellen und akustischen Rekonstruktionen können die Besucher in die Architektur und Musik der Kapelle eintauchen. Unter der Leitung von Rolf Kruse schuf ein interdisziplinäres Team einen digitalen Raum, der sowohl visuell als auch akustisch die Atmosphäre von Bachs Zeit widerspiegelt. Das etwa siebenminütige Erlebnis wurde zunächst in Weimar und danach an weiteren Orten im deutschsprachigen Raum ausgestellt.

Den dritten Tagungsteil „Schallarchitekturen des Barock I“ eröffnete Thomas Werner (freier Restaurator, Weimar). Er untersuchte höfische Räume Mitteldeutschlands, in denen das Podium stets über dem Auditorium lag, etwa auf Emporen oder in eigenständigen Räumen unter Hauben, Dächern oder Laternen. Anhand zentraler Beispiele wie Schloss Friedenstein, der Elisabethenburg Meiningen, dem Jenaer Stadtschloss und den Schlosskapellen in Ratsfeld, Schwarzburg und Stadtilm analysierte er Kubatur, Disposition, Konstruktion und Materialität. Ergänzend bezog Werner bekannte Objekte außerhalb Thüringens wie das Dresdner und Weißenfelser Lusthaus oder das Leipziger Bosehaus ein, um die architektonische Vielfalt höfischer Podiums- und Emporenräume in Abgrenzung zu bürgerlichen Beispielen zu analysieren. Stefan Schweizer (Stiftung Schloss und Park Benrath) stellte den hölzernen Kuppelaufsatz des Corps de Logis von Schloss Benrath vor, der trotz seiner Erscheinung als Belvedere einen dekorierten Raum mit zentralem Schallloch und Fresken von Wilhelm Lambert Krahe enthält. Schweizer interpretierte den Raum als Schallraum für kleine Musikensembles im Kontext der Musikförderung des Kurfürstenpaars Elisabeth Augusta und Carl Theodor, die vor Ort allerdings nie residierten, sowie der Architektur Nicolas Pigages. Anhand baulicher und ikonographischer Indizien argumentierte er, dass der Kuppelaufsatz als gezielt integrierter Musikraum geplant wurde, möglicherweise inspiriert von Antonio Gherardis Cäcilienkapelle in Rom.

Die sich anschließende vierte Sektion widmete sich speziell dem sog. „Schallhaus“ der Rudolstädter Schlossanlage. Silvia Bier (Forschungsinstitut für Musiktheater, Thurnau/Bayreuth) stellte den Pavillon mit Kuppel und Schallsaal im Schlossgarten der Heidecksburg in Rudolstadt vor, der nach seiner Sanierung seit 2020 wieder zugänglich und als Veranstaltungsraum nutzbar ist. Der seit etwa 1730 bestehende Schallraum diente dazu, den Gartensaal musikalisch zu füllen, ohne dass die Musiker sichtbar waren, wobei der Klang durch eine ovale Öffnung in der Kuppel übertragen wurde. Bier beleuchtete das ästhetische Gesamtkonzept aus Architektur, Bildkunst und Musik, die historische Funktion und Bedeutung des Raums sowie die heutige Nutzung als Ort historischer Musikpraxis und höfischer Musikkultur. Gefolgt wurde dieser Beitrag von einem Gesprächskonzert im „Schallhaus“ der Heidecksburg mit dem Ensemble Arcimboldo aus Basel mit Anna-Lena Elbert (Sopran), Mojca Gal (Barockvioline), Thilo Hirsch (Viola da Gamba, Leitung) und Tiago Leal (Theorbe). Auf dem Programm standen Werke aus dem Repertoire der Rudolstädter Hofkapelle aus dem ausgehenden 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts von Philipp Heinrich Erlebach (1657–1714), Johann Graf (1688–1750), Georg Philipp Telemann (1681–1767) und Antonio Lotti (1667–1740). Die Auswahl der Kompositionen erfolgte nach Quellen- und Literatur-Recherchen zum Rudolstädter Hof unter der Prämisse der dort beschriebenen Aufführungssituationen im „Schallhaus“ bzw. im Altan. Die musikalischen Beiträge wurden unter besonderer Berücksichtigung der architektonischen Besonderheiten vor Ort von Margret Scharrer (Universität Bern, jetzt Universität Heidelberg) moderiert. Das Konzert trug experimentellen Charakter, denn das Ensemble musizierte in wechselnden Besetzungen auf allen drei Niveaus des Schallhauses. Dies ermöglichte es den Zuhörenden, die in den Vorträgen diskutierten Phänomene spezieller Räume und ihrer Akustiken praktisch zu erleben und mit gewissen Abstrichen (ohne die ursprünglichen Inneneinrichtungen) im Zustand des späten 18. Jahrhunderts nachzuvollziehen.

Der Sonntagmorgen, 22. Juni, widmete sich dem zweiten Teil der „Schallarchitekturen des Barock“. Kristoffer Neville (University of California, Riverside) untersuchte in seinem Vortrag den Einfluss Christians IV. von Dänemark (1588–1648) auf die Kulturlandschaft seines Herrschaftsgebiets, insbesondere in Musik und Architektur. Am Beispiel des Wintersaals im Schloss Rosenborg in Kopenhagen, der aus dem 17. Jahrhundert erhalten ist, zeigte er, wie Raumgestaltung und akustische Nutzung miteinander verbunden waren. Besonderes Interesse galt den vier Bodenkanälen, über denen Musiker ungestört im Keller spielen konnten. Neville stellte die Frage, ob die Architektur des Saals aus musikalischer Perspektive besser verstanden werden kann als durch klassische kunsthistorische Methoden. Antje Spohr (Freies Institut für Bauforschung und Dokumentation, Marburg) und Matthias Kornitzky (BAK Bauarchäologie, Marburg) präsentierten in ihrem Vortrag die Ergebnisse archäologischer Untersuchungen am ehemaligen fürstlichen Lusthaus auf dem Wall, der vormaligen Nordbastion des Darmstädter Residenzschlosses. Bei Instandsetzungsarbeiten im Jahr 2018 wurde ein Gewölbe entdeckt, das vermutlich nicht Teil der ursprünglichen Festungsanlage, sondern ein späterer Umbau war – möglicherweise ein Musikpavillon oder ein Eiskeller aus dem 18. oder 19. Jahrhundert. Die archäologischen Funde zeigten ein Netzwerk von Kanälen und Gewölben, die als Schalltrichter für Musik dienten. Historische Quellen, etwa Berichte von Ludwig Weyland und Friedrich Ulrich zu Lynar, bestätigten die akustischen Besonderheiten des Gebäudes. Der Vortrag verdeutlichte, wie wenig von der barocken Architektur des Musikpavillons noch existiert, und hob die Bedeutung der archäologischen Funde für das Verständnis der damaligen Nutzung des Raums hervor.

Den Abschluss der Konferenz, teils mit „Ausklängen an der Wende zum 19. Jahrhundert“ bildeten die Vorträge von María José de la Torre Molina (Universidad de Málaga) und Iain Fenlon (University of Cambridge). De la Torre Molina beleuchtete in ihrem Vortrag die Feierlichkeiten zur Proklamation von Karl IV. in Andalusien (1789–1790) und die Rolle des Adels bei der Nutzung von Klang und öffentlichem Raum. Sie analysierte, wie die aristokratische Elite die Festlichkeiten nutzte, um nicht nur ihre Loyalität zum König zu zeigen, sondern auch ihre eigene Macht und Präsenz in der urbanen Landschaft zur Schau zu stellen. Sie demonstrierte das Zusammenspiel von Musik und akustischen Inszenierungen, die gezielt eingesetzt wurden, um den Eindruck von Macht und Herrschaft zu verstärken. Fenlon widmete sich speziell dem Palazzo Te bei Mantua, erbaut von Giulio Romano zwischen 1525 und 1535 für Federigo II. Gonzaga. Der Palast mit vier Flügeln um einen Innenhof diente als Landvilla, Ort höfischer Vergnügungen und Schauplatz von Theateraufführungen und Triumphzügen. Berühmt sind vor allem die Fresken, die Macht und Prestige der Gonzaga visualisieren. Architektur gepaart mit einer speziellen Akustik unterstützten gezielt musikalische Aufführungen. Heute wird der Palazzo als „performativer Raum“ verstanden, dessen Geschichte durch historische Neuinterpretation lebendig bleiben soll.
Annette Cremer (Justus-Liebig-Universität Gießen) fasste die Ergebnisse der Tagung zusammen und wies auf eine Grundkonstante der unterschiedlichen Beiträge hin. Während Architektur beständig sei, zeichne sich die Musik durch einen flüchtigen Charakter aus. Ein vielversprechender Ansatz bestehe in der Fokussierung auf musikalische Einzelereignisse, die in abgestimmten räumlichen Kontexten stattfänden, sowie spezifische Traditionen. Dabei stellten sich zwar noch viele methodologische Fragen, sicher sei aber, dass die kulturhistorische Forschung von einer verstärkten Interdisziplinarität nur profitieren könne. In der Diskussion um das Schallhaus in Rudolstadt seien es Erkenntnisse aus der Kunstgeschichte, der Musikwissenschaft, der Restaurierung, Musikpraxis und physikalischen Akustik, die Diskussionen um eine akustische Rekonstruktion des Raumes erst ermöglichten, um der Idee einer ursprünglichen Klangerfahrung und klingenden Herrschaftsrepräsentation näherzukommen.

Tagungsbericht

Schallkosmos Hof. Musik, Akustik und Raum in höfischen Architekturen des frühneuzeitlichen Europa

veranstaltet durch:
Rudolstädter Arbeitskreises zur Residenzkultur in Kooperation mit der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten

Rudolstadt, Schloss Heidecksburg

20.06.2025

bis 22.06.2025