von Amrei Flechsig und Undine Wagner
Unter dem Titel Musikdrucke im digitalen Wandel. Perspektiven ihrer Dokumentation, Repräsentation und Vernetzung fand am 13. und 14. November 2025 in Dresden eine interdisziplinäre Tagung statt, zu der die RISM-Arbeitsgruppe Deutschland in Zusammenarbeit mit der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) eingeladen hatte. Anlass war das 70jährige Jubiläum der ostdeutschen Arbeitsstelle, nachdem zwei Jahre zuvor bereits auf einer Tagung in München das 70jährige Jubiläum der westdeutschen Arbeitsstelle gefeiert worden war.
Musikdrucke von 1600 bis 1800 bildeten den Quellenkorpus, mit dem RISM seine Arbeit in den 1950er Jahren begann, weshalb sich die Tagung den inzwischen vorhandenen Chancen digitaler Methoden zur Erschließung widmete. Der Fokus lag auf aktuellen wissenschaftlichen Anforderungen und technischen Möglichkeiten. Das Ziel bestand darin, bisherige Ergebnisse vorzustellen, offene Fragen zu identifizieren und neue Ansätze für die Katalogisierung und Vernetzung zu entwickeln. Im Mittelpunkt standen Erörterungen darüber, wie digitale Methoden und IT-Standards die Erschließung von Musikdrucken optimieren können und welche Schnittstellen zwischen Musikwissenschaft, Bibliothekswissenschaft und Informationstechnologie sinnvoll sind, um die Katalogisierung weiterzuentwickeln und um neue Perspektiven für die Erforschung historischer Musikdrucke zu eröffnen. Referentinnen und Referenten aus verschiedenen Fachdisziplinen (Musikwissenschaft, Buchwissenschaft, Kunstwissenschaft und Informatik) waren auf der Tagung vertreten.
Zunächst erörterten Gerhard Lauer und Nikolaus Weichselbaumer (beide Universität Mainz) in ihrer Keynote VD Portal und RISM die Chancen und Schwierigkeiten eines gemeinsamen Internetportals der Drucke des 16. bis 18. Jahrhunderts und die Notwendigkeit, hierbei künftig auch Musikdrucke einzubeziehen. Angesichts einer unterschiedlichen Katalogisierungslogik und verschiedener Datenformate fragten sie nach den Möglichkeiten einer Integration der RISM-Daten.
Es folgten verschiedene Referate unter dem Oberthema Bestandsaufnahme und neue Erschließungsperspektiven. In ihrem Beitrag Musikdrucke in RISM – Erreichtes und Wünschenswertes schlug Barbara Wiermann (SLUB Dresden) den Bogen von Robert Eitners Quellenlexikon über die Gründung von RISM und die in Buchform erschienenen RISM-Katalogbände zu Drucken bis 1800 hin zu den mittlerweile online recherchierbaren in RISM erfassten und teilweise auch digitalisierten Drucken. Ausgehend von statistischen Auswertungen benannte sie Erfassungsdesiderate und verwies auf Katalogisierungsanforderungen wie Homogenität, Normdatennutzung und Datentransparenz als unabdingbare Voraussetzungen für die Anschlussfähigkeit an andere Datenbanken. Unter dem Titel Verstreut überlieferte Sammlungen am Beispiel der Musiksammlung der Wenzelskirche in Naumburg gab Peter Wollny (Bacharchiv Leipzig) am Beispiel der größtenteils verlorenen Musikaliensammlung des Naumburger Kantors Andreas Unger (um 1605–1657) interessante Einblicke in eine Spurensuche. Sie ließ ihn, ausgehend von einem 1658 erstellten Inventarverzeichnis, durch weiterführende Forschungen schließlich unter den aus der Thomasschulbibliothek stammenden und heute im Leipziger Bacharchiv aufbewahrten alten Musikdrucken fündig werden. Eine weiterführende Erforschung der noch existierenden Quellen dieser Sammlung stehe erst am Anfang. Welche Besitzerspuren sich in einzelnen Exemplaren von Drucken aus dem frühen 16. Jahrhundert finden lassen und wie sie erfasst werden können, war das Thema von Elisabeth Giselbrecht (King’s College London). Sie erläuterte wichtige Aspekte der beim Forschungsprojekt DORMEME (Dissemination, Ownership and Reading of Music in Early Modern Europe) angewandten Methodik in ihrem Referat Gebrauchs- und Besitzspuren in Musikdrucken des 16. Jahrhunderts. Dokumentation und Interpretation.
Mit seinem Vortrag Historical Music Inventories and Music Prints in Muscat zeigte Laurent Pugin (Universität Bern und RISM Schweiz) einen Ansatz zur Katalogisierung von Historischen Musikinventaren. Die Integration von Inventaren als neues Quellen-Template im Katalogisierungssystem Muscat bietet, nicht zuletzt durch die Verknüpfung mit konkreten Exemplaren, Möglichkeiten zur Darstellung der Geschichte einzelner Musiksammlungen. Die Werkebene in RISM und eine Verknüpfung mit den Werknormdaten der GND thematisierte der Beitrag Neue Möglichkeiten durch die Werkebene in RISM: Das Florilegium Portense und die Verflechtungen von Sammeldruck und Handschriften aus dem 17. Jahrhundert. Die Bedeutung von sogenannten Worknodes und das Potenzial, das in vernetzten Daten liegt, die über Werk-IDs gebündelt werden, zeigten Desiree Mayer (SLUB Dresden) und Alexander Faschon (SLUB Dresden) in ihrer auf den Ergebnissen eines Kooperationsprojekts zwischen RISM, GND und NFDI4Culture basierenden Präsentation am Beispiel des Sammeldrucks „Florilegium Portense“.
Illustrationen in Musikdrucken war ein weiterer Themenkomplex der Tagung. Hierzu gehörten die Vorträge Abbildungen in Musikdrucken: Forschungsinteressen, Problemfelder und Erschließungsbedarf von Ulf Wellner (St. Johannis Lüneburg), Zur kunsthistorischen Erschließung von Bildmedien in Musikdrucken: Standards, Datenqualität und FAIR Data Principles von Christian Bracht (DDZ für Kunstgeschichte – Bildarchiv Foto Marburg) und ReflectAI: Erklärbare hybride KI-Modelle für die Bildsuche in der Kunstgeschichte von Eric Müller-Budack (TIB Hannover). Ulf Wellner fragte zunächst anhand einiger Beispiele nach dem Erschließungsbedarf zu Graphiken in Musikdrucken und betonte die Vielfalt in Bezug auf die Formen, Funktionen, Inhalte und Deutungsmöglichkeiten. Ausgehend von dem bisherigen Mangel der Erforschung lieferte er erste Vorschläge zur Katalogisierung. Christian Bracht setzte dem Desiderat einer systematischen Erschließung der Graphiken eine Vorstellung kunsthistorischer Standards entgegen und erläuterte eine mögliche Katalogisierung nach LIDO-Standard. Zudem erwähnte er Pläne einer kunsthistorischen Erschließung von Graphiken in den VDs. Eric Müller-Budack präsentierte mit den Projekten iART und ReflectAI Konzepte zum Einsatz von KI zur Bilderkennung und Ähnlichkeitsbewertung, wobei er auf die Notwendigkeit der Vereinfachung komplexer kunsthistorischer Metadaten für die technische Umsetzung hinwies.
Zwei Beiträge konzentrierten sich auf Maschinelles Lesen von Musik: Nikolaus Weichselbaumers Beitrag OCR und Typometrie – eine Option für historische Musikdrucke? vermittelte Einblicke in die digitale Methodik der Analytischen Druckforschung und deren Potenzial für die Erforschung historischer Musikdrucke. Die Vielfalt von Schriftarten und Drucktypen ist ein Problem für die OCR-Erkennung alter Drucke, weshalb sich mehrere Projekte mit möglichen Trainingsdatensätzen auf Basis einer Zerlegung in Einzelbuchstaben auseinandersetzten. Im Anschluss daran berichtete David Rizo Valero (Universidad de Alicante) unter dem Titel From Print to Query: Leveraging OMR for Searchable Music Catalogs von Projekten zur Verbesserung der OMR-Notenerkennung, u.a. mit Quellen in Mensuralnotation unter Einbeziehung von Nutzergruppen zur Fehlerkorrektur. Er wies darauf hin, dass aktuell ein Projekt zur Optimierung der Notenerkennung für das von der BSB entwickelte OCR-Programm musiconn.scoresearch läuft.
Der letzte Schwerpunkt der Tagung war mit Bibliographische Daten neu gedacht überschrieben. Ullrich Scheunert (FusionSystems GmbH Chemnitz) präsentierte mit seinem Beitrag Möglichkeiten und Grenzen von KI bei der Erschließung von Musikdrucken Wege und Arbeitsschritte, mittels KI-gestützter Verfahren Informationen und Metadaten aus Digitalisaten von Musikdrucken zu extrahieren. Durch multimodale Ansätze, Vision Language Models und semantische Analysen ließen sich auch Probleme mit komplexeren Strukturen bewältigen. Linda Freyberg (Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation Berlin) beschäftigte sich in ihrem Vortrag Visualisierung von Forschungsdaten – Aufbereitung von (biographischen) Daten mittels KI für die visuelle Präsentation mit verschiedenen Möglichkeiten einer visuellen Darstellung von Forschungsdaten, wobei sie auf die Notwendigkeit einer hohen Datenqualität als Ausgangspunkt verwies. Am Beispiel biographischer Daten erläuterte sie mögliche Erkenntnisgewinne durch Kontextualisierung. Schließlich verdeutlichte Torsten Schrade (Hochschule Mainz) mit seinem Beitrag RISM-Daten im Culture Knowledge Graph – Chancen für interdisziplinäre Blickwinkel am Beispiel der RISM-Daten mögliche Forschungsperspektiven, die sich aus der Verbindung mit anderen Datenbanken wie Corago oder dem Partitura-Projekt über den Culture Knowledge Graph ergeben. Über den RISM Online Harvester sei es gelungen, 1,5 Mio. Entitäten in den Knowledge Graph zu integrieren.
Zum Abschluss der Tagung fand ein von Barbara Wiermann moderierter Roundtable unter Beteiligung von Elisabeth Giselbrecht, Gerhard Lauer, Klaus Pietschmann, Laurent Pugin und Torsten Schrade statt, bei dem es um Zukunftsperspektiven von RISM ging. Während Barbara Wiermann angesichts der vorgestellten Aspekte aus unterschiedlichen Bereichen nach Konditionen einer Priorisierung fragte, plädierte Gerhard Lauer für einzelne Pilotprojekte in RISM zu für die Community wichtigen Themen, um Methoden auszutesten. Klaus Pietschmann wies darauf hin, dass die Nutzung von RISM in der Fachwelt noch selbstverständlicher werden muss; ergänzend betonte Elisabeth Giselbrecht die Bedeutung einer Vermittlung an Studierende auch aus der Praxis. Einig war man sich darin, dass eine hohe Datenqualität als solide Basis unerlässlich sei, wobei Laurent Pugin auf die Notwendigkeit von „men power“ verwies, um bei allen Daten ein gleichwertiges Level zu erreichen. Auch Torsten Schrade hob die Notwendigkeit einer Ertüchtigung der Kernqualitäten hervor; so sei für sinnvolle Zukunftsperspektiven in der digitalen Welt eine Kombination von maximaler wissenschaftlicher Qualität, Datensouveränität und klaren Forschungsfragen unerlässlich. Im Hinblick auf die auslaufende Akademienfinanzierung von RISM wurde die Internationalität und Einzigartigkeit des Projekts zum Ausgangspunkt für ein Plädoyer, Kooperationspartner und interdisziplinäre Ansätze für eine Zukunft von RISM nutzbar zu machen.
