von David Müller
Am 5. und 6. November 2025 fand an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart eine wissenschaftliche Tagung mit dem Titel „Hermann Aberts ‚Schwarze Hefte‘ – Musikwissenschaft und (Fach)politik um 1920“ unter der Leitung von Prof. Dr. Tobias Robert Klein statt. Anlass war die erneute Auseinandersetzung mit den bislang größtenteils unveröffentlichten und weithin unbeachteten Memoiren Hermann Aberts (1871–1927), die, notiert in sechs Heften, in seinem Nachlass in der Berliner Staatsbibliothek überliefert sind. Diese fachhistorisch außerordentlich wertvollen autobiografischen Notizen enthalten unzählige Passagen, in denen Abert sich offen antisemitisch und rassistisch äußert, was die Analogie zu den ebenfalls lange unpublizierten „schwarzen Heften“ Martin Heideggers nahelegt. Zugleich erfordern sie eine erneute Auseinandersetzung mit Aberts Rolle in der musikwissenschaftlichen Fachgeschichte.
Carsten Kretschmann vom Historischen Institut der Universität Stuttgart eröffnete die Tagung mit einem Vortrag zum historischen Kontext der Entstehungszeit der Memoiren unter dem Titel „Hermann Abert im ‚Krieg der Geister‘“. Im Mittelpunkt stand dabei die Position Aberts zu Weltkrieg, Revolution und Republik anhand seiner in der krisengeplagten Frühzeit der Weimarer Republik verfassten Lebenserinnerungen. Dabei wurde deutlich, wie stark der Musikforscher von den sogenannten „Ideen von 1914“ beeinflusst wurde – für Abert wie für viele andere bürgerlich geprägte Professoren bedeutete der Krieg vor allem die Erfahrung nationaler Vergemeinschaftung, befördert durch die Vorstellung, einen gerechten Abwehrkampf der deutschen „Kultur“ gegen die feindliche „Zivilisation“ zu führen. Zugleich zeigte der Vortrag, dass der eigentliche Fixpunkt von Aberts Lebensentwurf wohl nicht der verlorene Erste Weltkrieg war, sondern das Erlebnis der Revolution in Halle 1918/19 – sie bekräftigte seine antikommunistische und antisemitische Haltung, die es ihm, in Kombination mit seinen massiven Vorbehalten gegenüber Parlamentarismus und Parteiendemokratie, unmöglich machte, die Weimarer Republik innerlich zu bejahen.
Da der Beitrag von Stephanie Klauk (Saarbrücken), der sich mit Aberts Mozart-Bild auseinandersetzt, krankheitsbedingt entfallen musste, verlas Tobias Robert Klein entsprechende Auszüge aus den „Schwarzen Heften“. Daran anknüpfend analysierte Carolin Krahn (Kassel) Aberts Konzept der neapolitanischen Oper. Ausgehend von der Aberts Mozart-Biografie sowie seinen weiteren Schriften zur Oper des 18. Jahrhunderts zeigte sie, wie Abert einerseits die Bedeutung von Komponisten wie Jommelli und Paisiello erkannte und sie andererseits systematisch anhand nationaler Zuschreibungen und anthropologischer Stereotype verortete. Abert stellte die neapolitanische Oper als ‚primitiv‘ dar, wobei er den Topos des ‚Volkstümlichen‘, wie sich auch in weiteren Präsentationen zeigte, durchaus nicht als Gegensatz, sondern als ideologisch positiv besetzte Grundlage der klassischen Musikkultur verstand. Georg Friedrich Händel trat demgegenüber, wie Lars Klingberg (Weimar) zeigte, trotz der langjährigen Tätigkeit Aberts in Halle, erst spät in sein Blickfeld. Deutlich wurde dabei eine überraschende Kontinuität seines vom religiösen Gehalt der Oratorien teils abstrahierenden Händel-Bilds zur „sozialistischen“ Rezeption der Bühnenwerke, wie sie die einflussreiche Kulturfunktionärin Johanna Rudolph – auch unter Bezugnahme auf Aberts Händelarbeiten – in den frühen Jahren der DDR propagierte.
Michael Heinemann (Dresden), der 2008 als erster Musikforscher Auszüge der Memoiren publizierte, berichtete zuerst von seiner mehr oder weniger zufälligen Entdeckung der „schwarzen Hefte“ in der Staatsbibliothek zu Berlin. Bei der Auseinandersetzung mit Aberts Memoiren fiel unmittelbar auf, wie derb sich der Musikforscher über Kollegen, Freunde etc. äußerte, wobei Rassismus und Antisemitismus keine Seltenheit waren. Aus dieser „Stil- und Niveaulosigkeit“ folgerte Heinemann, dass jene nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen sein könnten und stellte die grundsätzliche Frage, in welchem Verhältnis die moralische Integrität von Wissenschaftlern zu ihren fachlichen Verdiensten steht.
Im anschließenden Vortrag richtete Tobias Robert Klein (Stuttgart) den Blick auf Aberts institutionelle Rolle als Berliner Ordinarius. Bezugnehmend auf Fritz K. Ringers The Decline of the German Mandarins von 1969 rekonstruierte er Aberts Selbstverständnis als Vertreter eines universitären Führungsmodells, das von Autorität, wissenschaftlicher Exklusivität und sozialer Distinktion geprägt war. So sind in den Schwarzen Heften viele abfällig-wertende Urteile über Kollegen dokumentiert. Klein zeigte so, dass Aberts fachhistorische Bedeutung nicht allein in seinen Werken liegt, sondern ebenso in seiner institutionellen und habituellen Wirkmacht und diese zugleich reflektiert werden muss.
Vorrangig mit Hermann Aberts Tochter Anna Amalie (1906–1996) beschäftigte sich Alexander Lotzow (Kiel), der ihren Nachlass in der dortigen Universitätsbibliothek gesichtet hat. Bestimmend für ihre wissenschaftliche Karriere war die Bewahrung des wissenschaftlichen Erbes ihres Vaters. Zur Zeit des Nationalsozialismus ist ihre Haltung zu dessen Ideologien nicht eindeutig einzuordnen, da sie zwar in ihren Vorträgen kein explizites NS-Vokabular verwendete und das ‚Deutschtum‘ nicht überhöhte, jedoch das deutsche Volkslied als vom deutschen Geist durchdrungen hielt und zuvor ideologisch-pädagogisch motivierte Schriften zum Volkslied verfasste. Zugleich betonte Lotzow, wie sie sich als erste (außerordentliche) Professorin für Musikwissenschaft in Deutschland in einer schwierigen akademischen Situation bewegte: Einerseits diente der Name Abert auch als fachliche Legitimation, andererseits war sie stets mit der Erwartung konfrontiert, ihrem Vater nachzueifern.
Abschließend widmete sich Panja Mücke (Mannheim) der Geschichte des 1993 von Anna Amalia Abert gestifteten Hermann-Abert-Preises der Gesellschaft für Musikforschung. Gerade im Lichte der neuen Diskussion und einer nicht unkomplizierten rechtlichen Situation stellt sich aktuell die Frage nach einer angemessenen Form der Erinnerungskultur und der mit dem Preis verbundenen Anerkennung wissenschaftlicher Leistung, ohne den problematischen Bezug zu Abert als Person fortzuschreiben. Panja Mücke rechnet mit der Umbenennung des Preises und/oder sogar mit der Abschaffung, die mit der Rückgabe des gestifteten Geldes einhergehen müsste. Stattdessen schlug sie vor, eine andere Art ‚Postdoc‘-Preis der GfM zu etablieren. Eine Veröffentlichung der Tagungsbeiträge wird in der Reihe der Stuttgarter Musikwissenschaftlichen Schriften erfolgen.
