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Fachgruppe Systematische Musikwissenschaft |
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Mitte oben: Das Tonbandgerät "Nagra IV-S" – ein Klang-Aufnahmegerät, das oft während Feldforschungen eingesetzt wurde
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D-Mbs Mus.ms. C, fo. 2v und 3r | http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb00015144-2 Show image information

Kommission für Auslandsstudien | Foto: Sabine Meine

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Jan Vermeer, Die Musikstunde | Royal Collection (London)

D-Mbs Mus.ms. C, fo. 2v und 3r | http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb00015144-2

„Feiern – Singen – Schunkeln. Karnevalsaufführungen vom Mittelalter bis heute“

Köln, 11.-13.11.2011

Von Ingrid Schraffl, Wien – 24.01.2012 | Am denkwürdigen Datum des 11.11.2011 begann an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln gleichzeitig zum Auftakt der Session des Kölner Karnevals ein dreitägiges internationales Symposion der Arbeitsgemeinschaft für rheinische Musikgeschichte zum Thema Karneval. Organisiert wurde die Tagung von Anno Mungen (Universität Bayreuth) und Christine Siegert (Universität der Künste Berlin) in Zusammenarbeit mit Arnold Jacobshagen (Hochschule für Musik und Tanz Köln).

Im Mittelpunkt des Symposions stand das Phänomen des Karnevals vom Mittelalter bis heute, das von Referentinnen und Referenten aus Deutschland, Österreich, Italien, der Schweiz und den USA von verschiedenen Perspektiven aus beleuchtet wurde, wobei neben der Musikwissenschaft auch andere Disziplinen wie Ethnologie, Kunstgeschichte, Theaterwissenschaft und Psychologie vertreten waren. Ein besonderes Augenmerk wurde auf den Kölner Karneval und auf die darin zentrale Rolle der Musik gerichtet. Es ergab sich dabei ein unmittelbarer Aktualitätsbezug, durch den die theoretische Auseinandersetzung an Spannung und Lebendigkeit gewann, zumal durch die Anwesenheit mehrerer Kölner Wissenschaftler eine persönliche Verbindung zu diesem hierzulande besonders intensiv erlebten Ereignis hergestellt wurde.
Der Begrüßung durch den Rektor der Hochschule für Musik und Tanz Köln Reiner Schuhenn folgte eine Einführung der Organisatoren Anno Mungen und Christine Siegert, wobei die um 11:11 Uhr live übertragene Sessionseröffnung einen direkten Einblick in den zeitgleich stattfindenden Kölner Karneval bot. Die erste von vier Sektionen war den „Interdisziplinären Annäherungen“ an den Karneval als Kulturphänomen gewidmet. Gunther Hirschfelder (Regensburg) besprach nach einem historischen Grundriss und der Erläuterung von funktionellen Parametern, die zur Untersuchung des heutigen Karnevalphänomens herangezogen werden können, dessen Beziehung zur Event-Gesellschaft. Aus theaterwissenschaftlicher Perspektive beleuchtete Matthias Warstat (Erlangen) die vielfältigen, zwischen Theater, Karneval und Fest bestehenden Zusammenhänge, während Richard Mailänder (Köln) am Beispiel des Erzbistums Köln das (frühere und heutige) Verhältnis zwischen Kirche und Karneval darstellte. Eine psychologische Betrachtung des im lebenbejahenden Karneval stets, gleichsam als Kehrseite der Medaille, mitschwingenden Todesgedankens bot Wolfgang Oelsner (Köln), der die Gestalt des Narren mit der des Todes als ikonographische Einheit in Verbindung brachte und auf die tröstende Wirkung der Regression hinwies. Tanja Michalskys (Berlin) Vortrag über das während des Symposions mehrmals erwähnte Bild Der Kampf zwischen Karneval und Fasten von Pieter Breugel schloss die interdisziplinäre Sektion mit einem kunsthistorischen Beitrag ab.
Die zweite, unter dem Titel „Formate“ zusammengefasste Sektion wurde durch ein Referat von Melanie Fritsch (Bayreuth/Thurnau) über die oft vernachlässigte (weil schwer fassbare) Rolle des Tanzes in den Fastnachtsbräuchen des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit am Beispiel des bis 1539 belegten Schembartlaufs in Nürnberg eingeleitet. Es folgte ein Vortrag in englischer Sprache von Laura Weigert (New Brunswick, USA) über die karnevalesken Elemente in Prozessionen und Paraden des 16. Jahrhunderts, die anhand von Bildern aus einem Manuskript erläutert wurden, das Johanna von Kastiliens Einzug in Brüssel 1496 darstellte. Der Beitrag von Sabine Schroyen (Düsseldorf) war dem 1848 gegründeten Düsseldorfer Künstlerverein „Malkasten“ gewidmet, Michael Euler-Schmidts (Köln) Vortrag dagegen den als Höhepunkte des Kölner Karnevals geltenden Rosenmontagszügen ab 1823. Dominic Larue (Bonn) untersuchte schließlich Kölner Karnevalslieder in Hinblick auf Inhalte und musikalische Elemente im Vergleich zu den im Kölner Umland (Düren) gebrauchten Liedern und gelangte dadurch zu einer Kennzeichnung der Karnevalsmusik als primäres Mittel der Inszenierung einer Kölner Identität.
Sabine Meines (Venedig) Vortrag über das Singen im venezianischen Karneval eröffnete die dritte, den „Musikpraxen“ gewidmete Sektion. Ebenfalls mit Italien beschäftigte sich Saskia Maria Woyke (Bayreuth/Thurnau), die den venezianischen Karneval des 18. Jahrhunderts mit dem römischen verglich. Die darauffolgenden zwei Referate waren im südamerikanischen Raum angesiedelt: Cornelia Bartsch (Basel) sprach über Chiquinha Gonzaga als „musikalische Volksheldin“ und ihre Verbindung mit dem brasilianischen Karneval, Julio Mendívil stellte problematisierende Überlegungen über die Rolle von Satire und Protest in der Karnevalsmusik aus Ayacucho in den peruanischen Zentralanden und ihrer Beziehung zum dort in den 1980er Jahren herrschenden Bürgerkrieg an. Drei dem Kölner Karneval gewidmete Vorträge rundeten die dritte Sektion ab. Klaus Wolfgang Niemöller (Köln) beleuchtete anhand der Blätter des Steindruckers David Levy Elkan die Musik in den frühen Kölner Maskenzügen der Jahre 1823–1840 und ihre Verbindung zur damaligen Kölner Bürgergesellschaft. Günther Noll (Köln) erläuterte anhand mehrerer Kölner Karnevalslieder die Funktionen von Lied und Singen im Kölner Karneval, und Astrid Reimers (Köln) konzentrierte sich auf eine dieser Funktionen, die des Empowerments, und stellte sie an Beispielen zum Brauch der „Nubbelverbrennung“ dar.
Die letzte, der „Oper“ gewidmete Sektion wurde von Silke Leopold (Heidelberg) mit grundsätzlichen Überlegungen über die möglichen Verbindungen zwischen Oper und Karneval eröffnet. Dabei warnte sie vor allzu leichtfertigen Generalisierungen etwa hinsichtlich der Verbindung von Maskierung und Karneval oder Commedia dell’arte und Karneval. Christine Siegert (Berlin) untersuchte die Rückwirkung der Oper auf den Karneval und brachte eindrucksvolle Beispiele von Opernbezügen in der aktuellen Kölner Karnevalsmusik. Sebastian Hauk (Leipzig) sprach über den römischen Karneval im 17. Jahrhundert und Il Sant’Alessio von Giulio Rospigliosi und Stefano Landi. Mit Verkleidungen, Täuschungen und Maskeraden in den karnevalesken Szenen der Opere buffe nach Libretti von Carlo Goldoni beschäftigte sich der Vortrag von Kordula Knaus (Graz), während Martina Grempler (Wien) anhand von Giselher Klebes Fastnachtsbeichte und Hector Berlioz‘ Benvenuto Cellini über die düsteren Seiten des Karnevals im Musiktheater referierte. Alain Gehring (Köln) stellte Die Kölner in Paris, ein in Kölner Mundart gedichtetes Karnevals-Singspiel aus dem Jahr 1823 vor, das auf zahlreiche Werke der klassischen Musik wie etwa Fidelio zurückgreift. Anno Mungens Vortrag über die Cäcilia Wolkenburg, ein vom Kölner Männer-Gesangs-Verein im Kölner Opernhaus aufgeführtes karnevalistisches Musiktheater, schloss das sehr gelungene und stets von angeregten Diskussionen begleitete Symposion ab.
Als thematisch passend abgestimmtes Rahmenprogramm fand ein Besuch des Kölner Karnevalsmuseums mit einem Empfang durch den Präsidenten des Festkomitees Kölner Karneval Markus Ritterbach sowie ein Mitsingkonzert der Kölner Mundart-Gruppe „de familich“ statt. Die Publikation der Vorträge in der Reihe „Beiträge zur rheinischen Musikgeschichte“ ist geplant.