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Fachgruppe Deutsch-Ibero-Amerikanische Musikbeziehungen Show image information
Fachgruppe Systematische Musikwissenschaft |
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Mitte oben: Das Tonbandgerät "Nagra IV-S" – ein Klang-Aufnahmegerät, das oft während Feldforschungen eingesetzt wurde
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Jan Vermeer, Die Musikstunde | Royal Collection (London) Show image information
D-Mbs Mus.ms. C, fo. 2v und 3r | http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb00015144-2 Show image information

Kommission für Auslandsstudien | Foto: Sabine Meine

Fachgruppe Deutsch-Ibero-Amerikanische Musikbeziehungen

Fachgruppe Systematische Musikwissenschaft | Foto: Kröninger, ERC-Projekt SloMo, UHH

Fachgruppe Freie Forschungsinstitute

Fachgruppe Musikwissenschaft im interdisziplinären Kontext | Philips Pavillon von Le Corbusier

Fachgruppe Nachwuchsperspektiven | Grafik: Sonja Kieser

Fachgruppe Digitale Musikwissenschaft | Foto: Andreas Münzmay

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Fachgruppe Musikethnologie und vergleichende Musikwissenschaft | Links: Karnatische Musik mit Lalitha und Nandini Muthuswamy Mitte oben: Das Tonbandgerät "Nagra IV-S" – ein Klang-Aufnahmegerät, das oft während Feldforschungen eingesetzt wurde Mitte unten: Klangdokumente im Archiv Rechts: Die Musikstudentin Chiu Ju Liao beim Stimmen einer Yueqin

Jan Vermeer, Die Musikstunde | Royal Collection (London)

D-Mbs Mus.ms. C, fo. 2v und 3r | http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb00015144-2

"Musicisti europei a Venezia, Roma e Napoli (1650-1750): Musica, identità delle nazioni e scambi culturali"

Rom, 19.-21.01.2012

Von Magdalena Boschung, Mainz – 30.04.2012 | Vom 19. bis 21. Januar 2012 fand am Deutschen Historischen Institut Rom und an der École Française de Rome der Abschlusskongress des ANR-DFG Projekts MUSICI statt. Am ersten Kongresstag begrüßten Michael Matheus und Sabine Ehrmann-Herfort die Tagungsteilnehmer am Deutschen Historischen Institut und betonten die Wichtigkeit des Projektes sowohl für das Institut als auch als Vorbild interdisziplinärer und internationaler Forschungszusammenarbeit. Die Projektleiterinnen Gesa zur Nieden und Anne-Madeleine Goulet sprachen als Veranstalterinnen ein Grußwort und skizzierten Ziele und Struktur der Tagung, die einerseits eine Präsentation der zweijährigen Projektarbeit darstellte und andererseits eine Grundlage für den Austausch mit externen Wissenschaftlern bieten sollte. Das Projekt hat zum Ziel, der starken Erforschung der europäischen Musikermigration von der italienischen Halbinsel aus eine Untersuchung der Reisen und Aufenthalte europäischer Musiker in Venedig, Rom und Neapel zwischen 1650 und 1750 an die Seite zu stellen. Auf diese Weise sollen Fragen der Quantität und Qualität des kulturellen Austausches und der Entstehung der sogenannten musikalischen Nationalstile beleuchtet werden. Hierzu wurden die Wege und Wirkungsstätten europäischer Musiker in den Blick genommen, die zur Zeit der europaweiten Verbreitung der italienischen Gattung Oper in den Musikzentren Venedig, Rom und Neapel tätig waren. Die unterschiedlichen Forschungsfelder wurden in den vier Sektionen des Kongresses abgebildet.

 

Die erste Sektion war den Motivationen ausländischer Musiker für einen Italienaufenthalt sowie den Reiseverläufen gewidmet. Dabei standen in den ersten beiden Vorträgen Karrierestrategien im Zentrum, die Britta Kägler (Rom) anhand zweier Fallbeispiele aus Deutschland und Mélanie Traversier (Lille) für den Fall Neapel aufzeigten. Aus- und Weiterbildung deutscher Musiker in Italien waren nach Kägler stark mit Prestigegewinn verknüpft und somit für die reisenden Musiker selbst wie auch für die geldgebenden Fürsten in der Heimat interessant. Traversier machte hingegen deutlich, dass in Neapel nicht selten Diplomaten eine entscheidende Rolle in der Vermittlung von Musikern spielten. Im Folgenden zeigte Gesa zur Nieden (Mainz) anhand französischer Musiker in Rom auf, dass trotz vordergründiger Abgrenzung ein Kulturtransfer zwischen italienischer und französischer Musik stattgefunden hat, der durch französische Virtuosen auf dem Gebiet der Sakralmusik oder an den privaten Höfen Roms einerseits, durch die Aufnahme französischer Elemente in Kompositionen italienischer Musiker andererseits geschah. Stansilav Tuksar (Zagreb) wiederum rekonstruierte fünf Lebensläufe kroatischer Musiker, die in den drei italienischen Zentren Venedig, Rom und Neapel wirkten, und wies nach, dass hier kein Kulturtransfer stattfinden konnte, da es in Kroatien kein funktionierendes Ausbildungssystem und auch kaum Betätigungsfelder für allfällige Rückkehrer gab.

Die Nachmittagssektion widmete sich der Frage, wie sich die fremden Musiker in das italienische System einordnen konnten, und wurde von Florian Bassani (Bern) mit einem Referat über deutsche Orgelbauer in Italien eröffnet. Er konnte darin anschaulich machen, dass zwar eine Anpassung an die Orgelbauweise nach italienischem Stil notwendig war, eine Eingliederung auf sozialer und kultureller Ebene für den beruflichen Erfolg aber nicht zwingende Voraussetzung war. Um Eingliederung in das professionelle und gesellschaftliche Umfeld ging es auch in den Beiträgen von Élodie Oriol (Aix-en-Provence/Rom) und Michela Berti (Rom) zu fremden Musikern in Rom. Oriol ging dem Phänomen im Allgemeinen nach und konstatierte, dass ausländischen Musikern in Rom dieselben Karrieremöglichkeiten offenstanden wie ihren italienischen Kollegen. Berti, die die Fragestellung für die Nationalkirchen Roms bearbeitete, erklärte zunächst die Organisation der Musik, die immer auch zum Ziel hatte, das jeweilige Land nach außen zu repräsentieren. Dennoch konnte sie im zweiten Teil ihres Referates keine Bevorzugung für die jeweiligen Landsleute feststellen, vielmehr anhand einzelner Karrieren von spanischen und französischen Musikern aufzeigen, dass diese oft für mehrere Nationalkirchen tätig waren. Anders sei bis Mitte des 18. Jahrhunderts die Situation in Neapel gewesen, führte danach Giulia Veneziano (Rom) aus. Anhand der Aufnahmebestimmungen der neapolitanischen Konservatorien und mit Dokumenten, die den Aufenthalt von Fremden in der Stadt regelten, stellte sie die These auf, dass im Interesse der eigenen Musiker versucht wurde, die Zuwanderung möglichst gering zu halten. Berühmte ausländische Komponisten wie etwa Händel und Hasse bildeten insofern eine Ausnahme, als sie an privaten Höfen angestellt waren.

Den Abendvortrag hielt Michael Talbot (Liverpool), der einen anschaulichen Überblick über das Italienerlebnis europäischer Musiker gab. Er wies zunächst auf die Hegemonie italienischer Musik in Europa hin, die einerseits deren Kennern Aussicht auf eine gut bezahlte Anstellung gab und andererseits Italien zu einem großen Anziehungspunkt für Musiker machte. Im zweiten Teil konkretisierte er, dass sich der Kontakt zwischen den einzelnen Regionen und Italien nicht zuletzt durch die konfessionellen Besonderheiten stark unterschied. So bestand in den lutherischen Gebieten Deutschlands und in Großbritannien stets die Furcht, während des Italienaufenthaltes zur Konversion zum Katholizismus gedrängt zu werden.

Am zweiten Kongresstag begrüßte Catherine Virlouvet an der École Française de Rome und bedankte sich insbesondere bei Anne-Madeleine Goulet, die mit der Initiative des MUSICI-Projekts eine Öffnung des Instituts gegenüber der Musik und ihrer Geschichte bewirkt habe. Francesco Cotticelli (Neapel) und Paologiovanni Maione (Avellino) eröffneten die dritte Sektion, die einzelne Institutionen und Mäzene als Patrone in den Blick nahm. In ihrem Beitrag beschrieben sie die fahrenden Künstlerfamilien insbesondere für Neapel als wichtige Vermittler und Traditionsträger von Repertoires. Cotticelli widersprach in der anschließenden Diskussion Venezianos These eines ausländerfeindlichen Neapel, in dem nach seinen Erkenntnissen zahlreiche ausländische Künstler gewirkt hätten. Einen Vergleich zwischen venezianischen und römischen Ospedali stellte Caroline Giron-Panel (Paris) an, indem sie nach der dortigen Präsenz fremder Musiker fragte. Augenfällig war vor allem der Prestigeunterschied zwischen den beiden Institutionen: Während die vier venezianischen Ospedali europaweit für ihre musizierenden Frauen berühmt waren und ihre Konzerte in zahlreichen Reiseberichten beschrieben wurden, blieb die Musikpflege der römischen Konservatorien weitgehend unbeachtet. Dies spiegelt sich auch in der noch ausstehenden Erforschung der römischen Ospedali. Anne-Madeleine Goulet (Rom) sprach über die beiden französischen Prinzessinnen Maria-Anne und Louise-Angélique de la Trémouille, die im Zuge der Heiratspolitik Ludwigs XIV. nach Rom verheiratet wurden und dort als Mäzeninnen hervortraten. Anhand von Archivdokumenten verfolgte sie die Chronologie der weiblichen Musikpatronage und wies nach, dass diese zwar der französischen Hofkultur verpflichtet war, aber dennoch auch italienische Gattungen berücksichtigte und stets eine Mischung aus (gesellschafts-)politischem Kalkül, persönlichen Präferenzen und höfischer Erziehung bildete. Emilie Corswarem (Tours) berichtete über ihre Forschungen zu den deutschen und flämischen Bruderschaften in Rom, in deren Musikpraxis sie einen deutlichen Unterschied zwischen täglicher Liturgie mit festangestellten Musikern und Festveranstaltungen beobachtete, die auch ein politisches Signal aussenden sollten und zum Engagement auswärtiger mastri di cappella und Musiker führten.

Der letzte Teil der Vorträge war schwerpunktmäßig musikalisch-stilistischen Fragestellungen gewidmet und wurde von Barbara Nestola (Versailles) eröffnet. Die Rezeption französischer Musik in Venedig, Rom und Neapel zwischen 1650 und 1750 verlief ihrzufolge recht unterschiedlich. In venezianischen Opernlibretti finden sich mehrheitlich eingelegte Arie alla francese, bei denen aber nicht klar ist, ob nur die Texte oder auch die Musik aus den französischen Vorlagen entnommen wurden. Das überlieferte Notenmaterial französischer Arien mit phonetischer Umschrift in Neapel macht hingegen deutlich, dass diese Musik zur Aufführung gekommen ist. Gleiches trifft auch die zahlreichen französischen Tänze zu, die in römischen Bibliotheken liegen und wohl durch die französisch-stämmigen Tanzmeister römischer Adelshäuser Verbreitung gefunden haben. Peter Niedermüller (Rom) analysierte sodann den Stilbegriff entlang theoretischer Überlegungen der histoire croisée. Er führte aus, dass die Kennzeichnung bestimmter musikalischer Phänomene durch den Nationalbegriff zwar seit dem Mittelalter üblich war, uns heute aber vor erhebliche methodische Probleme stellt. Denn nicht nur sei stets zu hinterfragen, was mit einem bestimmten Nationalstil gemeint sei, sondern auch wie eine konkrete Person national zu konnotieren sei. Im zweiten Teil demonstrierte er die praktischen Konsequenzen dieser Überlegungen an einigen Beispielen aus Hasses Oratorienschaffen und legte dar, dass dessen plurinationaler Stil möglicherweise aus deutscher Sicht italienisch oder kosmopolitisch zu nennen wäre, aus italienischer Perspektive aber weniger der nationale Stil, sondern die gekonnte Umsetzung eines Themas mit allen verfügbaren Mitteln entscheidend gewesen sei. Graham Sadler (Hull) und Shirley Thompson (Birmingham) gingen den Auswirkungen von Marc-Antoine Charpentiers Romaufenthalt (1666-1669) auf seine Fauxbourdon-Technik nach. Anhand zahlreicher Musikbeispiele dokumentierten sie, dass Charpentiers Stil wesentlich vom Einsatz der Chromatik und Dissonanzen geprägt war, Elemente die im italienischen Falsobordone schon länger Usus waren, für die französische Schreibweise aber bis anhin gänzlich ungebräuchlich waren. Den letzten Vortrag hielt Thomas Irvine (Southampton) und postulierte darin Stil als einen räumlichen Begriff, der sich an einem bestimmten Ort entwickelt und zu dessen Ausdrucksform wird. Seine These veranschaulichte er anhand von Mozarts Besuch der Sixtinischen Kapelle, wo sich der junge Komponist durch die Niederschrift des dort aufgeführten Miserere Allegris den Raum gleichsam angeeignet habe.

Am letzten Kongresstag wurden als Roundtable in sechs Thesenpapieren zu Kulturtransfer, Nationalstilen und Musikermigration nochmals methodische Grundfragen thematisiert. Juan José Carreras (Zaragoza), Jean Duron (Versailles), Thierry Favier (Poitiers), Iain Fenlon (Cambridge), Raffaele Mellace (Genua) und Michael Werner (Paris) wiesen unter der Moderation von Jean Boutier auf die europäische Dimension der Einschätzung von Migrationsbewegungen hin. Im Sinne der histoire croisée diskutierten sie vor allem die Gegenfragen einer Mobilität gen Italien etwa am Beispiel der Präsenz nordeuropäischer Zentren des Notendrucks wie Amsterdam oder der als vermeintlich „italienisch" rezipierten Ensembles und Musiker in ganz Europa. Philipp Vendrix (Tours) verwies im Schlusswort auf den Nutzen der entstehenden prosopographischen Datenbank für künftige Forschungen. Betrachte man zudem die dort verzeichneten Informationen, werde auch die Heterogenität des Projektes bezogen auf die in den Orten jeweils zentralen Gattungen (Oper in Venedig und Neapel, Kirchenmusik in Rom) sowie die zeitbedingt sehr unterschiedlichen Bedingungen deutlich (etwa um 1650, als nach dem Ende des 30-jährigen Krieges eine bedeutende Anzahl deutscher Musiker zur Ausbildung nach Italien reisten, einerseits, in den 1720er und 30er Jahren, als Ausländer Vendrix zufolge in Italien eine große Karriere machen konnten, andererseits). Unterschiede ließen sich aber auch in den individuellen Strategien der einzelnen Musiker feststellen, die – jeder auf seine Weise – versucht haben, ihren Italienaufenthalt möglichst nutzbringend zu gestalten.

Ein Veröffentlichung der Beiträge in der Reihe Analecta Musicologica ist in Vorbereitung (weitere Informationen unter www.musici.eu).