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Jan Vermeer, Die Musikstunde | Royal Collection (London)

D-Mbs Mus.ms. C, fo. 2v und 3r | http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb00015144-2

Händel und die Musikgeschichte des Hauses Hannover

Halle an der Saale, 10.-11.06.2014

Von Pascal Schiemann, Halle/Saale – 11.07.2014 | Anlässlich des 300. Jahrestages der Thronbesteigung des Hannoveraner Kurfürsten Georg Ludwig als englischer König George I. im Jahre 1714 richteten das Institut für Musik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, die Georg-Friedrich-Händel-Gesellschaft und die Stiftung Händel-Haus am 10. und 11. Juni 2014 die alljährlich stattfindende Internationale Wissenschaftliche Konferenz zu den Händel-Festspielen in Halle (Saale) aus. Unter dem Motto „Georg und Georg / George and George“ fokussierten die interdisziplinären Vorträge sowohl die historischen Hintergründe und Rahmenbedingungen der Personalunion zwischen dem englischen Königshaus und Kurhannover (1714–1837) als auch deren Bedeutung für das Leben und Wirken Georg Friedrich Händels. Die epochenübergreifende Betrachtung des Welfenhofes als musikalische Wirkstätte für zahlreiche Komponisten, Instrumentalisten und Sänger vom 17. bis ins frühe 19. Jahrhundert öffnete dabei gleichzeitig den Blick für die umfangreiche Musikgeschichte des Hauses Hannover.

Besonderes Augenmerk galt darüber hinaus der erstmaligen Vergabe des mit 2.000 € dotierten und von der Stiftung Saalesparkasse geförderten Internationalen Händel-Forschungspreises, welchen die Jury zu gleichen Teilen an Dominik Höink (Münster) und Rebekka Sandmeier (Cape Town) für die Erarbeitungen einer Grundlagenstudie zur Rezeption Händelscher Oratorien im deutschsprachigen Raum des 19. Jahrhunderts sowie an Matthew Gardner (Heidelberg) für die Edition der Wedding Anthems  HWV 262 und 263 verlieh.

Die historische Kontextualisierung der Personalunion im Hinblick auf die Biographie Händels, sowie deren Auswirkungen auf kulturelle Entwicklungen in beiden Regierungsgebieten bildeten mit Vorträgen Heide N. Rohloffs (Hannover) und Arndt Reitemeiers (Göttingen) einen ersten Schwerpunkt der Tagung: Am 16. Juni 1710 wurde Georg Friedrich Händel auf Empfehlung Agostino Steffanis als Hofkapellmeister und Nachfolger Farinellis in den Dienst des Hannoveraner Hofes gestellt, um selbigen nur kurze Zeit später wieder zu verlassen – von seiner zweiten Londonreise im Herbst 1712 kehrte er nicht zurück. Der vermeintliche Akt des Ungehorsams bleibt dabei strittig, war doch die Bestimmung Sophies von Hannover als designierte Nachfolgerin der britischen Monarchie bereits in der Act of Settlement von 1701 festgelegt. Mit dem Tod Sophies ging die Thronfolge auf ihren Sohn Georg Ludwig über, welcher 1714 zum englischen König gekrönt wurde und in der Folge das United Kingdom of Britain ebenso wie das Kurfürstentum Hannover in Personalunion regierte. Dabei ist das Zustandekommen dieser Personalunion, wie der Vortrag Heide N. Rohloffs betonte, als ausschließliches Resultat lang anhaltender verfassungspolitischer und religiöser Konflikte innerhalb Großbritanniens zu verstehen und diente, unter dem Einfluss des erstarkten englischen Parlamentes und in Folge der Bill of Rights von 1689, vorrangig der Festigung des Anglikanismus im Königreich.

Dass eine solche Verbindung für beide Regierungsgebiete zahlreiche Veränderungen, nicht zuletzt auch auf kulturellem Gebiet, mit sich brachte, liegt auf der Hand. In Hannover führte die Strahlkraft Londons als kulturellem Zentrum zu einem signifikanten Anstieg der Verbreitung englischen Kulturgutes, darunter auch Werke Georg Friedrich Händels – eine ausführliche Darstellung der Belege für das Vorhandensein Händelscher Werke in Kurhannover lieferte Helen Coffey (Milton Keynes). In London hingegen wurde die Hannoveraner Provinz zumeist als spröde und barbarisch wahrgenommen. Konsequenterweise lassen sich, besonders für die Frühphase der Personalunion, kaum Anhaltspunkte für ein Interesse am Welfenhof seitens Großbritanniens ausmachen. Das sich hieraus ergebende Transfergefälle skizzierte Arndt Reitemeier (Göttingen).

Als deutlich ergiebiger für kulturelle Transferleistungen erweisen sich die Verbindungen, welche die Welfenhöfe im 17. Jahrhundert zu den italienischen Kulturmetropolen Rom und Venedig pflegten, wie Sabine Ehrmann-Herfort (Rom) in der Folge herausstellte. Dabei standen die kulturpolitischen Bemühungen Herzogs Johann Friedrich von Braunschweig-Calenberg, welcher unter der Ägide des venezianischen Komponisten und Hofkapellmeisters Antonio Sartorio etliche hochkarätige Sänger von den italienischen Opernbühnen nach Braunschweig-Lüneburg importieren ließ, im Zentrum der Betrachtung.

Der Einfluss Italiens auf die Kulturschaffenden am Hofe blieb auch nach dem Tod Johann Friedrichs, unter der Regierung Ernst Augusts und Sophies von der Pfalz, weiter bestehen. Unter Agostino Steffani als neuem Hofkapellmeister orientierte sich die Musik jedoch zunehmend an französischen Vorbildern. Vor dem Hintergrund territorialer wie auch stilistischer Grenzüberschreitungen analysierte Nicole Strohmann (Hannover) die Synthese französischer und italienischer Komponenten in der Musik Steffanis exemplarisch an dessen Oper Enrico Leone. So lassen sich etwa in der kontrapunktischen Führung der Instrumentalstimmen sowie auch in der Dominanz der Arien ausgewiesene Merkmale der venezianischen Schule finden, während die Instrumentierung mit der Orientierung an Jean-Baptiste Lully gleichzeitig nach Frankreich weist.

Die umfangreichen kulturpolitischen Neuerungen und wechselseitigen Beeinflussungen der Welfenlinien Hannover und Braunschweig-Wolfenbüttel - welche sich, wie die Vorträge Vassilis Vavoulis‘ (Nottingham/Athen) und Margret Scharrers (Saarbrücken) zeigten, nicht auf den Bereich der Musik beschränkten - skizzierte Reinmar Emans (Göttingen) und setzte damit den Schlusspunkt des ersten Konferenztages. 

Am Mittwoch richtete sich der Blick wieder verstärkt auf das 18. Jahrhundert und damit vorrangig auf die Rolle der Musik Georg Friedrich Händels im höfischen Kontext vor und während der Personalunion. Dabei konstatierte Matthew Gardner (Heidelberg) in seiner Untersuchung verschiedener Krönungsmusiken aus der Zeit von 1727–1821 eine deutliche Vorliebe der Welfenherrscher für die Musik Händels, welche er insbesondere in der Regierungsperiode George II. (1727–1760) verortete.  Dieser beauftragte anstelle des Komponisten und Organisten der Chapel Royal, Maurice Green, Händel mit der Komposition der Festmusiken zu seiner Inthronisierung im Jahre 1727 – eine umfangreiche Darstellung der Krönungsfeierlichkeiten leistete Arno Paduch (Leipzig). Alle wichtigen royalen Anlässe wurden in der Folgezeit von Händelscher Musik begleitet. Dass auch George III. selbst nach dem Tod Händels seiner Musik den Vorzug vor der anderer, lebender englischer Komponisten gab, führte Gardner als weiteres eindeutiges Indiz für die große Zuneigung ins Feld, welche die Welfenherrscher für die Musik Händels hegten.

Auch im Opernschaffen des Komponisten bestand eine enge Anbindung an das englische Königshaus, welche Donald Burrows in seinem Referat „The British royal family, the London opera companies and Handel’s performances, 1732–1743“ erörterte. Dabei betonte Burrows vor allem die öffentliche Funktion von Opernaufführungen im von machtpolitischen Spannungen geprägten London der 1730er Jahre. Der anschließende Vortrag Philipp Kreisigs (Marburg) konkretisierte diese Perspektivierung in einer detaillierten Analyse der Entstehungs- und Aufführungsgeschichte zweier Opern, dem Dramma per musica Atalanta Georg Friedrich Händels und der Festa teatrale La festa d’Imeneo Porporas. Beide Werke entstanden anlässlich der Vermählung des Thronfolgers Ludwig Friedrich von Hannover mit der Prinzessin Augusta von Sachsen-Gotha-Altenburg und geben somit exemplarisch ein Abbild des Spannungsverhältnisses zwischen den beiden konkurrierenden Opernunternehmen Händels und Porporas.

Die politische Brisanz, welche das zeitgenössische Publikum innerhalb der Händelschen Libretti festzumachen suchte, erörterte Lawrence Zazzo anhand der Rezeption der Aufführungen des Oratoriums Esther während der Spielzeit 1735. Wenngleich sich dabei nicht eindeutig klären ließ, inwieweit eine zeitkritische Funktion von Bühnenwerken vom Londoner Publikum erwartet wurde, so zeigte die ausführliche Quellenanalyse jedoch eindrücklich, dass eine satirische Interpretation der Libretti wenigstens seitens der Medien stattfand.

In der Continuo-Gruppe des Händelschen Opernorchesters fand sich in den 1720er und 1730er Jahren ein Lautenist als festes Mitglied. Peter Holman (Leeds) zeigte in seinem Referat, dass es sich bei diesem nicht, wie ursprünglich angenommen, um Carlo Arrigoni handelte, welcher einerseits für die konkurrierende Opera of the Nobility tätig war und sich andererseits erst ab ca. 1731 in London aufhielt. Stattdessen, so Holman, handele sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um John Francis Weber, dessen Präsenz in London sich für den betreffenden Zeitraum belegen lässt.

Die deutlichen Einflüsse Steffanis – dieser war 1688 durch die Vermittlung Gottfried Wilhelm Leibniz‘ an den Hannoveraner Hof gekommen – auf das Schaffen Händels untersuchte John H. Roberts in seiner vergleichenden Analyse von Kammerduetten beider Komponisten. Anhand des Duetts Langue, geme Georg Friedrich Händels verdeutlichte Roberts dabei die formale Übernahme von Satzmodellen Steffanis im Händelschen Œuvre.

Graydon Beeks (Claremont, CA) ging im letzten Vortrag der Konferenz auf editionsphilologische Probleme der Cannons Anthems und des Cannons Te Deum Händels ein. Beide Werke wurden zu Lebzeiten des Komponisten nicht publiziert und waren somit ausschließlich als Manuskripte in Form von Abschriften unterschiedlicher Kopisten verbreitet. Im Gegensatz zu den Abschriften John Christopher Smiths finden sich innerhalb der Manuskripte anderer Kopisten etliche falsche Lesarten, insbesondere hinsichtlich der Textierung. Beeks stellte die fehlerhaften Quellen in seinem Referat vor. Die musikalische Interpretation der unterschiedlichen Lesarten durch Donald Burrows und Lawrence Zazzo markierte dabei einen letzten Höhepunkt der Tagung.

Den großen Erfolg der diesjährigen Internationalen Wissenschaftlichen Konferenz zu den Händel-Festspielen belegte die durchweg positive Resonanz des Plenums, welche nicht zuletzt in der regen Diskussionsteilnahme zum Ausdruck kam. Für eine umfassende Darstellung der Thematik sei an dieser Stelle auf das kommende Händel-Jahrbuch 2015 verwiesen,  in welchem alle Vorträge der Konferenz in verschriftlichter Form enthalten sein werden.