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Fachgruppe Systematische Musikwissenschaft |
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Kommission für Auslandsstudien | Foto: Sabine Meine

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Jan Vermeer, Die Musikstunde | Royal Collection (London)

D-Mbs Mus.ms. C, fo. 2v und 3r | http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb00015144-2

Giuseppe Sarti – Individual Style, Aesthetical Position, Reception and Dissemination of His Works

Berlin, 18.-20.07.2014

Von Francesco Del Bravo, Berlin – 15.09.2014 | Im Rahmen des Forschungsprojekts A Cosmopolitan Composer in Pre-Revolutionary Europe fand Ende Juli an der Universität der Künste Berlin die internationale Konferenz Giuseppe Sarti – Individual Style, Aesthetical Position, Reception and Dissemination of His Work statt. Das Projekt – unter der Leitung von Prof. Dr. Christine Siegert – wird von der UdK Berlin in Kooperation mit der Hebrew University Jerusalem durchgeführt und von der Einstein Foundation finanziert. Die Tagung wurde zudem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt.

Als perfektes Beispiel für den Kosmopolitismus im Zeitalter der Aufklärung machte Giuseppe Sarti eine brillante Karriere als Kapellmeister (sowohl an Höfen als auch in kirchlichen Institutionen), Opernkomponist und Pädagoge in ganz Europa: Durch das europäische Netz von Höfen und Opernhäusern konnte er in Italien, Dänemark und Russland tätig sein; seine Opern zirkulierten in vielen Ländern. Trotz seiner bedeutenden Rolle im Musikleben seiner Zeit wird er heute meistens als Lehrer von Luigi Cherubini und Opernkomponist erinnert, dessen Œuvre »die Ehre« hatte, von Wolfgang Amadé Mozart und Antonio Salieri zitiert zu werden und berühmte Werke vorwegzunehmen (Giulio Sabino als Vorankündigung von Ludwig van Beethovens Fidelio). Die Tagung bot die Möglichkeit, sowohl die Kenntnisse über viele Aspekte von Sartis Biographie und Werken zu vertiefen als auch aktuelle Fragen der Musikforschung und -edition am Beispiel der Oper des späten 18. Jahrhunderts zu diskutieren.

In der ersten Sektion – „Sarti als kosmopolitischer Komponist“ – wurde Sartis Kosmopolitismus innerhalb seiner biographischen Erfahrungen und seiner Werke betrachtet. Im Rahmen eines Überblicks über die Beziehungen zwischen dem Komponisten und der russischen Kultur erörterte Marina Ritzarev die geistliche Musik, die Sarti während seines Dienstes bei Katharina II. in den Jahren 1792–96 komponierte und die von einem bemerkenswerten Gigantismus gekennzeichnet ist. Der prachtvolle musikalische Stil von Sartis Werken der russischen Jahre wurde als Auswirkung der höfischen Repräsentation auch von Anna Porfirieva betont, die sich im kulturellen und ästhetischen Kontext am Hof Pauls I., in dem Enea nel Lazio (1799) entstand, entfaltete. John Platoff erschloss die komplexe Interaktion von Komponist, Sänger und Publikum, die für Wien rekonstruierbar ist und die auf die Wiener Fassung von Fra i due litiganti il terzo gode (1784) einen bedeutenden Einfluss ausübte. Ein großer Teil der für Wien neukomponierten Musik betrifft die Partien von Nancy Storace und Francesco Benucci, die dieselben Rollen schon bei der Uraufführung der Oper (Mailand 1782) gesungen hatten und die in Wien ideale Bedingungen fanden, nicht nur ihre sängerischen, sondern auch ihre darstellerischen Fähigkeiten zu zeigen. Zumeist in der Wiener Fassung wurde die Oper in den Ländern nördlich der Alpen bekannt. Über die Anpassungsfähigkeit an wechselnde Kontexte nicht von Sarti als Mensch und Komponist, sondern von Sartis Werken sprach Dörte Schmidt; sie analysierte die Berliner und Wiener späten Bearbeitungen von Giulio Sabino (Venedig 1781) sowie die ästhetischen und soziologischen Bedingungen, die die verschiedenen Bearbeitungen der Oper veranlassten.

Das Thema der Fassungen von Sartis Werken und ihrer Quellen wurde in der zweiten Sektion der Tagung weitergeführt, die „Fragen der Dokumentation und Edition“ gewidmet war. Roland Pfeiffer berichtete über die Arien der venezianischen Fassung von Vologeso (1765; erste Fassung: Kopenhagen 1754), die in einer römischen Quelle der Sammlung Doria-Pamphilj aufzufinden sind. Maria Shcherbakova stellte Bezüge zwischen den Autographen von drei Opern (Fra i due litiganti il terzo godeGli amanti consolati und La famille indienne en Angleterre) her, die in Faenza (Biblioteca Manfrediana) und in Sankt Petersburg (Mariinski-Theater) liegen, und beleuchtete so den Prozess der Selbstrevision bei Sarti. Weil das Sarti-Projekt eine digitale Ausgabe von Giulio Sabino und Fra i due litiganti il terzo gode erarbeitet, führte Joachim Veit als Leiter von Edirom und Freischütz Digital in grundsätzliche Fragen der digitalen Edition ein und fokussierte dabei zwei entscheidende Punkte der vielfältigen Möglichkeiten digitaler Editionen: a) kritische Kommentare leiden nicht unter den typischen Platz- und Kostengrenzen einer gedruckten Edition und können deswegen besonders benutzerfreundlich gestaltet sein; b) die Codierung und das digitale Medium erlauben, den kritischen Kommentar des musikalischen Textes auf kontextuelle Aspekte des Werks auszudehnen. Johannes Kepper betonte, wie eine digitale Edition sich gleichzeitig an verschiedene Benutzergruppen (Dirigenten, Sänger, Wissenschaftler u.a.) wendet und wie sie „multiple readings“ ermöglicht, die die Beweglichkeit des Textes widerspiegeln. Kristin Herold sprach über die Techniken der musikalischen Codierung und über die Lösungen, die im Rahmen einer Edirom-Ausgabe von einer Oper des späten 18. Jahrhunderts anwendbar sind: die digitale Aufbereitung von Manuskripten und die Codierung mit MEI (die xml-Auszeichnung der Music Encoding Initiative).

In der dritten Sektion – „Fragen der Edition und Aufführung“ – wurden mehrere Themen der zweiten Sektion weiter entfaltet. Martin Albrecht-Hohmaier nahm sich des Phänomens der so genannten Migration an: Arien, die von einer Oper zu einer anderen (nicht unbedingt von selben Autor) »migrierten«. Am Beispiel der Arie „La mia bella m’ha detto di no“ – die aus Sartis I contrattempi in Fra i due litiganti il terzo gode und in Joseph Haydns Orlando paladino migrierte – erläuterte er das Potential, das eine digitale Edition bietet, um den dramaturgischen Prozess, der durch die Migrationskette aktiviert wurde, zu analysieren. Giovanni Polin stellte eine Fallstudie zu Amor artigiano vor, einer Oper von Gaetano Latilla und Carlo Goldoni (Venedig 1761), die Sarti im Jahr 1762 für Kopenhagen bearbeitete. Sartis Bearbeitung gilt auch als seine »erste« Opera buffa und ermöglicht, einen Blick in seine Musiktheater-Werkstatt zu werfen. Christin Heitmann stellte sich dem generellen Problem von in der Partitur fehlenden Arien; sie untersuchte es am Beispiel der Wiener und Londoner Bearbeitungen von Giulio Sabino und stellte Vermutungen über die Gründe für das Fehlen der Arien an. Marina Toffetti klärte den Entstehungskontext auf, in dem das Pasticcio Cook, o sia gl’Inglesi in Othaiti (Neapel 1785) komponiert wurde, und äußerte Hypothesen über Librettist(en) und Komponisten, die außer Sarti in das Projekt involviert waren. Als vocal coach und Dirigent analysierte Ido Ariel das Accompagnato-Rezitativ „Venite, o figli“ aus Giulio Sabino sowie die Verflechtung von Dramaturgie und Aufführung, die das Stück impliziert. Mattia Rondelli berichtete über seine Erfahrungen als Dirigent und Herausgeber von zwei Kirchenkompositionen Sartis aus den russischen Jahren und schloss daran Bemerkungen über Sartis Stil in der späten geistlichen Musik an, vor allem zum kontrapunktischen Einsatz der Bläser (statt als Verdoppelung anderer Stimmen oder Ripieno), zur Verräumlichung des Klanges sowie zur Vermischung von buffo- und osservato-Stilen.

In der vierten Sektion („Sartis Opern und ihre Bearbeitungen – Ästhetischer Kontext, Bedingungen und Konsequenzen“) wurde Sartis Kosmopolitismus anhand von seinen Opern und ihren Bearbeitungen betrachtet – sowohl derjenigen, die er selbst vorgenommen hat als auch derjenigen, die andere Komponisten von seinen Opern erstellten. Andrea Chegai legte Sartis Fähigkeit dar, sich durch die experimentelle „festa teatrale“ Alessandro e Timoteo (1782) in das besondere kulturelle Ambiente des Hofes in Parma einzupassen: Er nahm nicht nur französische Stilelemente auf – ein Merkmal der musikalischen Tradition in Parma –, sondern schrieb auch die freimaurerische Symbolik des Librettos in seine Musik ein. Martina Grempler erforschte die Wiener Quellen von Le gelosie villane (Venedig 1776) und die verschiedenen Bearbeitungen, die die Rezeption der Oper in Wien (Erstaufführung 1777) zu Mozarts Zeit dokumentieren. Christine Siegert analysierte die Bearbeitungen der Idalide (Mailand 1783) im Spiegel von Quellen aus der Esterházy-Sammlung in Budapest und aus der Mecklenburgischen Landesbibliothek Schwerin. Die erste enthält Haydns Adaptierungen; die zweite weist eine Bearbeitung auf, die versucht, neue musikalische Formen einzuführen und gleichzeitig Sartis Musik zu bewahren.

In der letzten Sektion („Kosmopolitische Aspekte in Sartis geistlichen Werken“) stand Sartis geistliche Musik seiner Mailänder Jahre (1779–84) und seiner russischen Zeit (1784–1801) im Zentrum. Mariateresa Dellaborra skizzierte die biographischen Hintergründe von Sartis Periode als Domkapellmeister in Mailand und bestimmte die Mischung römischer und ambrosianischer Liturgie im Magnificat a due cori (1780). Joachim Kremer analysierte das Requiem für Friedrich Eugen von Württemberg, das Sarti 1798 in Sankt Petersburg komponierte. Das Requiem deckt ein breites Spektrum von Stilen ab, was man als Huldigung zum kulturellen und politischen Kosmopolitismus Friedrich Eugens von Württemberg interpretieren kann. Schließlich sprach Bella Brover-Lubovsky über die »Potjomkin-Jahre« (1787–91) von Sarti, in denen er dem Fürsten und Feldmarschall Potjomkin während des russisch-österreichischen Türkenkriegs in das Gouvernement Taurien und nach Bessarabien folgte. Neben seiner Tätigkeit als Gesangspädagoge in Krementschuk reiste Sarti mit der Armee mit und komponierte Musik für die prächtigen Zeremonien, die jeden russischen Sieg feiern sollten. Besonders imposant ist Slava v Vushnikh Bogy für Doppelchor und Orchester, russische Hörner, Glocken, Kanonen und synchronisierte Feuerwerke; mit seinem Gigantismus antizipierte dieses Stück die Mode jener Kompositionen mit übertriebenen und klangvollen Besetzungen, die das zivile Leben im postrevolutionären und napoleonischen Frankreich charakterisierten.

Die Tagung wurde durch ein Konzert von Studierenden der UdK Berlin und der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin ergänzt, in dem Instrumental- und Vokalmusik von Sarti (auch in den Bearbeitungen anderer Komponisten) aufgeführt wurde.