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Kommission für Auslandsstudien | Foto: Sabine Meine

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Jan Vermeer, Die Musikstunde | Royal Collection (London)

D-Mbs Mus.ms. C, fo. 2v und 3r | http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb00015144-2

„Singstimmen. Ästhetik – Geschlecht – Vokalprofil"

Thurnau, 17.-19.05.2012

Von Sarah Manthey, Bayreuth – 02.07.2012 | Vom 17. bis 19. Mai fand im Forschungsinstitut für Musiktheater auf Schloss Thurnau (Fimt) das musikwissenschaftliche Symposion „Singstimmen. Ästhetik – Geschlecht – Vokalprofil"
statt. International besetzt bündelte die von Saskia Maria Woyke, Anno Mungen und Stephan Mösch veranstaltete Tagung dabei nicht nur musikwissenschaftliche Expertise, sondern auch interdisziplinäre Impulse von Seiten der allgemeinen und kulturellen Geschichtswissenschaft, der Medizin oder etwa der Literaturwissenschaft. Am ersten Veranstaltungstag erfolgte zudem die Verleihung des Thurnauer Preises für Musiktheaterwissenschaft 2011 an Marie-Hélène Benoit-Otis. Darüberhinaus war das Symposion zugleich die Auftaktveranstaltung des Forschungsschwerpunktes „Musik – Stimme – Geschlecht", das gegenwärtig mit zwei DFG-geförderten Projekten am Fimt verankert ist.

Die erste Sektion begann Thomas Seedorf (Freiburg) mit einer Problematisierung des sehr unterschiedlich verwendeten Begriffs Belcanto, wobei er insbesondere die These vertrat, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts weniger die Schönheit als vielmehr die Richtigkeit im Gebrauch der Stimme entscheidende Implikation des Terminus war. Anschließend stellte Anno Mungen (Thurnau/Bayreuth) seine methodischen Überlegungen zum Umgang mit weit zurückliegenden Aufführungen und hier insbesondere mit verklungenen Stimmen vor. Sein Augenmerk lag dabei insbesondere auf Zeugnissen, die im Anschluss an Aufführungen entstanden. Mungen führte damit zugleich in das von ihm geleitete DFG-Projekt „SängerInnen und Rollen. Geschlechtskonzeptionen in der Oper des 19. Jahrhunderts" ein. Die beiden folgenden Vorträge nahmen sich der Ästhetik des Kirchengesangs respektive der Ästhetik der hohen Singstimme an, wobei jeweils auch der andere Bereich eine Rolle spielte. Dies, gemeinsam mit dem in beiden Fällen gegebenen Schwerpunkt auf dem 17. Jahrhundert, ermöglichte auch für die Diskussionen inhaltliche Verknüpfungen. Corinna Herr (Bochum/Schwerte) machte sich, ausgehend von religiösen Texten und deren Auffassungen vom Gesang der Engel, auf die Suche nach einem Stimmideal für Gottesdienst und Kirchengesang und konnte durch Vergleiche mit theoretischen Schriften eine Bevorzugung der Sopranstimmen ausmachen, wenngleich auch die „sakrale Tiefe der Altstimmen" Erwähnung fand. Hohe, klare und zarte Stimmen erschienen besonders geeignet für den Kirchengesang und die intendierte Überwältigung der Zuhörenden. Saskia Maria Woyke (Thurnau/Bayreuth) konnte in ihrem Vortrag darlegen, dass im Italien des 17. und frühen 18. Jahrhunderts Höhe und Beweglichkeit nicht nur zentrale Charakteristika der idealen Singstimme und – als inhaltliche Höhe – auch der Sprechstimme, waren. Vielmehr zeigte sich in diesen Vorstellungen ein ästhetisches Ideal, das auch in anderen Bereichen Gültigkeit hatte. Zwischen Frauenstimmen und Kastratenstimmen wurde dabei in den Beschreibungen nicht differenziert. Die ideale, nach oben strebende, bewegliche und die Zuhörenden bewegende Stimme war zwar eine männliche, jedoch nicht an einen männlichen Körper rückgebunden. Vielmehr konnten auch Frauen, gerade Jungfrauen hohen Standes, durch die Perfektion im Gesang diese männliche Qualität erlangen.
Adrian La Salvia (Erlangen) stellte den Ausführungen zu Italien einen Vortrag über Stimmtheorie im Frankreich des 18. Jahrhunderts an die Seite, wobei die geliehene Stimme, etwa im Vaudeville, und die synchronisierte Stimme (im Marionettentheater) im Vordergrund standen. Es schlossen sich Vorträge von Karl-Heinz Göttert (Köln) zur Rezitationskunst um 1800 und Stephan Mösch (Berlin/Bayreuth) zur Stimmbehandlung im Musiktheater nach 1945 an, die jeweils die geschulte, aber nicht zwangsläufig singende Stimme in den Blick nahmen. Der letzte Vortrag der Sektion kam von Martin Pfleiderer (Weimar), der sich mit der zentralen Bedeutung der Stimme in der populären Musik auseinandersetzte. Der Tag wurde mit einem Konzert beschlossen. Kai Wessel, der sowohl in Bass- als auch in Countertenorlage sang und zudem selbst moderierte, und Markus Märkl am Cembalo beeindruckten das Publikum unter anderem mit Kompositionen von Francesco Pistocchi und Benedetto Marcello.

Der größte Teil des zweiten Veranstaltungstages wurde von der Sektion Geschlecht eingenommen. Den Rahmen bildeten hierbei zwei Vorträge, in denen der Countertenor eine zentrale Rolle spielte. Rebecca Grotjahn (Paderborn) beschäftigte sich mit der Konstruktion von Stimm-Geschlecht(ern) und nahm zu diesem Zweck einige bei Countertenören besonders verbreitete Stimmmerkmale in den Blick. Diese erwiesen sich mehrheitlich als stilistische Besonderheiten, was auf einen bewussten oder unbewussten Konstruktionsprozess in Abgrenzung vom Stimmgebrauch anderer Sänger und insbesondere Sängerinnen schließen lässt. Die hohe Falsettstimme kann also ‚männlich' sein, solange sie sich deutlich von ‚der Frauenstimme' unterscheidet. Verwiesen wurde zudem auf die Geschlechterpolitik, die in der Besetzungspraxis bei Aufführungen sogenannter Barockopern in den letzten Jahren vielfach zu beobachten ist, dass Rollen nämlich nach dem Kriterium Geschlechterkongruenz besetzt werden und dieses Vorgehen gerade als das ausgegeben wird, was es nicht ist, nämlich als der historischen Besetzungspraxis entsprechend. Dieser Punkt kehrte später im letzten Vortrag der Sektion bei Arnold Jacobshagen (Köln) wieder. Er sprach von einem Schutzraum der männlichen Falsettstimme, entstanden aus mittlerweile widerlegten Fehlannahmen insbesondere zur Besetzungspraxis in der Barockoper. Heute zum Erben des Kastraten stilisiert, spielte der Countertenor als postmodernes Stimmfach im Musiktheater vor den 1960er Jahren praktisch keine Rolle. Wo es entsprechende Traditionen gab, etwa im London der Händelzeit, konnten sich die Falsettisten gegenüber Kastraten- oder Frauenstimmen nicht behaupten, ein Ersatz für Kastratensänger waren sie erst recht nicht. Für die Zukunft sieht Jacobshagen daher ein Ende des erwähnten Schutzraumes, eine stärker werdende Konkurrenz zwischen Sängerinnen und Countertenören und damit weiter steigende Qualität.
Bernhard Richter (Freiburg) demonstrierte anhand von Aufnahmen des Vokaltrakts während des Singens Unterschiede einzelner Stimmgattungen. Christine Fischer (Basel) setzte sich mit Geschlechterübergängen auf der Bühne und deren Zusammenspiel mit Raumkonzepten und Bühnenbildern auseinander. Beatrix Borchard (Hamburg) widmete sich Pauline Viardot-Garcìa und deren Orpheusinterpretation. Viardot-Garcías Orphée war nicht als männliche Figur angelegt, sondern allgemein als Mensch in innerem Kampf. Diese nicht geschlechtsspezifische Konzeption in Bezug auf die Figur und die Handlung des Orphée zeigt sich unter anderem in den Posen der Rollenfotos, wie auch in Textänderungen, die Viardot-García für ihre Version des „J'ai perdu" vornahm.
Es folgte der Beitrag der beiden Historiker Andrea Addobati und Roberto Bizzochi (beide Pisa) über Kastraten und die sogenannten Cicisbei, Begleiter verheirateter Damen in der Öffentlichkeit. Im Mittelpunkt stand der Wandel dieser beiden Phänomene der italienischen Gesellschaft in der Zeit zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert.
Mit Besetzungskonventionen im komischen vokalen Musiktheater des 18. Jahrhunderts beschäftigte sich schließlich Kordula Knaus (Graz): Sie stellte heraus, dass die Figuren der männlichen Innamorati im frühen 18. Jahrhundert deutlich häufiger mit Sängerinnen besetzt wurden als mit Kastratensängern (Commedia per musica), während später in der Opera buffa zunächst ein Gleichgewicht zwischen beiden Gruppen herrschte ehe sich etwa 1760 die Besetzung mit einem Tenor durchsetzte.
Die Sektion „Vokalprofil" wurde von Jürgen Kesting (Hamburg) mit einem Vortrag zur Entwicklung der Tenorstimme bei Wagner eröffnet. Paologiovanni Maione (Neapel) setzte sich anschließend mit der Besetzungspraxis an neapolitanischen Theatern in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts auseinander. Daniel Brandenburg (Salzburg/Bayreuth) gelang eine erste Annäherung an das künstlerische Profil Luigi Marchesis, eines der letzten großen Kastratensänger. Der Quellenbestand umfasst neben Kompositionen auch Pamphlete, Briefwechsel und Tagebücher. Da die Meinungen und Urteile zum Teil stark voneinander abweichen, kann nur in Kernpunkten auf Marchesis stimmliche und darstellerische Fähigkeiten rückgeschlossen werden. Besonderes Interesse erweckte die widerkehrende Erwähnung eines tenoral klingenden Registers des Kastraten.
Beschlossen wurde der Tag mit Vorträgen von Leonella Grasso-Caprioli (Padua) zu Einflüssen der Wissenschaft auf die Stimmdidaktik im 19. Jahrhundert und Björn Dornbusch (Thurnau/Bayreuth), der Wilhelmine Schröder-Devrient und Maria Malibran anhand von beschreibenden historischen Texten verglich.

Auch am letzten Konferenztag ging es noch einmal um Vokalprofile. Jens Malte Fischer (München) unterhielt das Publikum mit einem Interpretationsvergleich des Otello-Monolgs „Dio! Mi potevi scagliar tutti imali". Anschließend sprach Karin Martensen (Hannover) zu Anna Bahr-Mildenburgs Ring-Inszenierung von 1921 zu der drei Regiebücher mit detaillierten Anweisungen erhalten sind.
Die beiden letzten Vorträge beschäftigten sich mit Aufnahmen von Singstimmen. Zunächst nahm sich Sergio Durante (Padua) mit Maria Callas einer Sängerin an, deren Interpretationen bis heute nachwirken, deren Aufnahmen noch immer akribisch analysiert werden. Selbst zu Texten geworden stellen sie Bezugspunkte zusätzlich zu den geschriebenen Noten dar. Knut Holtsträter (Thurnau/Bayreuth) schließlich beschäftigte sich mit Crooning, Croonern und deren Vokalprofilen. Eine Gemeinsamkeit fiel bei Croonern wie Rudy Vallee, Frank Sinatra, u.a. ein Absenken der Tessitur bzw. ein Wechsel zu einem dunkleren Stimmklang im Verlauf der Karriere auf, häufig nach vorangegangenen stimmlichen Problemen. Wie schon im Falle der Pop-Stimmen lassen sich also Wechselwirkungen zwischen Image, Gesangstil und, zumindest in einigen Fällen, physiologischer Situation konstatieren. Dies lässt sich auch auf Sängerinnen wie ‚die Französin' Malibran und die ‚Deutsche' Schröder-Devrient übertragen, wobei hier neben der stimmlichen auch die schauspielerische Disposition eine wesentliche Rolle spielt. Interessant ist hier neben der Kontrastierung der Sängerinnen vor allem der im Laufe der Konferenz auch an anderen Stellen auftretende und immer wieder thematisierten Topos der ‚Stimmruine' respektive des misshandelten Stimmapparats bei gleichzeitiger Betonung enormer darstellerischer Fähigkeiten, zu finden auch bei Beschreibungen zu Callas und Bahr-Mildenburg. Im Raum steht nach der Konferenz auch die Frage, welchen Informationsgehalt man Texten über historische Aufführungen zumessen und wie man belastbare Informationen aus solchen Quellen ziehen kann. Hierüber konnte unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern noch kein Konsens erzielt werden. Die Veröffentlichung des Konferenzbandes ist in den Thurnauer Schriften zum Musiktheater geplant.